Weiter geht’s!

Freiamt
Freiamt

Jetzt geht es endlich weiter, allerdings doch nicht mit einem Twike. Auf den längeren Strecken werde ich mit dem Zug fahren und sonst weiterhin mit dem Fahrrad. Aber immerhin es geht weiter. Um Zeit aufzuholen und eine mögliche erneute Entzündung des Kniegelenks zu vermeiden fahre ich mit dem Zug. Die Bahn ist quasi meine „Brückentechnologie“.

Ich verlasse Baden-Württemberg in Richtung Lausitz. Es ist Zeit für eine erste Zusammenfassung dessen, was ich bisher über die Energiewende gelernt habe.

Beim Thema Klimaschutz und Energiewende habe ich oft gedacht, was kann ein einzelner Mensch schon tun? Klar gibt es listenweise Ratschläge wie man Energie spart. Aber der Gedanke nur einen Tropfen auf den heißen Stein beizutragen und vor allem die Trägheit, die man überwinden muss um anzufangen, und die Investionen, die am Anfang notwendig sind, halten mich und viele Menschen davon ab.

Aber die recht erfolgreiche Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland wurde zu einem großen Anteil von Einzelpersonen vorangebracht. Ursula Sladek machte in ihrer Rede bei der Demonstration „Energiewende retten“ in Freiburg deutlich, dass von den mittlerweile etwa 25% erneuerbaren Energien an der Stromproduktion in Deutschland jede zweite Kilowattstunde aus Anlagen stammt, die Bürger entweder selbst oder in Genossenschaften aufgebaut haben.

Ein gutes Beispiel dafür ist neue Windrad in Freiamt ist das von den Aufnahmen her eindrucksvollste Erlebnis meiner bisherigen Reise.
Die Menschen haben sich selbst dafür entschieden und profitieren auch selbst von der Energiegewinnung. Dies scheint der Schlüssel zu ihrem Erfolg zu sein. Gegner von zum Beispiel Windkraft gibt es in Freiamt nur sehr wenige, die Mehrheit der Bürger ist stolz auf das, was sie und ihre Mitbürger erreicht haben. Als Investoren die besten Standorte für Windkraft pachten wollten, sagten sich die Menschen einfach „Das können wir selber“ und haben ihre Pläne auch in die Tat umgesetzt. (Interviews mit Hannelore Reibold-Mench (Bürgermeisterin von Freiamt), Ernst Leimer (Förderverein für Windenergie in Freiamt) und Inge Reinbold (Bioenergie Reinbold))

„Man sollte niemals dem Glauben verfallen, eine kleine Gruppe anders Denkender hätte die Welt nicht verändert. Es war noch niemals anders“. Dieses Zitat sagte mir Johannes Büttner (mehr Fotos). In Freiburg-Ebnet baute er mit sehr viel eigner Arbeit und hauptsächlich gebrauchtem Material das Haus, in dem er zur Miete wohnt, auf Holzheizung und Solarwärme um, verwandelt den Ziergarten in einen Nutzgarten und renoviert und fährt Twikes.

Johannes Büttner
Johannes Büttner

Freiburg hat viele Vorzeigeprojekte, die weithin bekannt sind, und von Journalisten und Touristen nur so überrannt werden. Daher bin ich sehr froh, dass sich Forscher des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme Zeit genommen haben mir ein bisschen etwas über die Forschung an Solarzellen und Speichertechnologien zu erkären (Interviews mit Alma Spribille und mit Stephan Lux).
Georg Löser und Andreas Hoffmann haben mir gezeigt, wie sie ihre Häuser unabhängig von Erdöl und großen Stromkonzernen gemacht haben. Bei den Mitarbeitern von Reinhard Schwörer, der als Jugendlicher gegen den Bau des Atomkraftwerks in seinem Heimatort Wyhl protestierte und seit Ende der 1990er mit seiner Zimmerei Solaranlagen montiert, durfte ich zuschauen wie eine Solaranlage auf einem Hausdach in Rust installiert wurde.

Es geht nichts ohne die einzelnen Menschen. Das sagt auch Michael Sladek, mit dem ich in Schönau schon mal ein Interview geführt habe für die Reportage über BürgerEnergie Berlin. Engagierte Menschen sind es, die die Energiewende in vielfältiger Weise voran bringen, und die Geschichten dieser engagierter Menschen sind es, die das doch sehr technische und politische Thema Energiewende mit Leben füllen.
Energiewende kann nicht von oben herab verordnet werden und die großen Konzerne tun sich schwer damit. Es sind die Bürger, die selbst entscheiden, wie sie in Zukunft leben wollen, und auch wenn die Rahmenbedingungen schlechter werden sagen „Wir machen das!“.

Last but not least: Ein ganz herzlicher Dank an Diana Sträuber, die nicht nur die Energiewende Demonstration in Freiburg, den Kongress Energieautonome Kommune und die Flüster-Demo organisiert hat, sondern mich auch viel länger als ursprünglich geplant bei sich in Freiburg übernachten ließ.

Das neue Windrad in Freiamt wächst …

Transport eines Rotorblatts
Transport eines Rotorblatts von Elzach zur Baustelle der neuen Windkraftanlage in Freiamt/Gutach

… und auch meine Zuversicht dieses Projekt doch weiterführen zu können ist wieder größer geworden.

Aber zuerst zum Windrad. Auf der Grenze von Freiamt zu Gutach wird die sechste Windkraftanlage gebaut (Leistung 3 Megawatt). Bereits im Jahr 2012 speiste Freiamt 10 Millionen Kilowattstunden regerativ erzeugten Strom mehr ins Stromnetz ein als die Bürger und Betriebe verbrauchten. Es war sehr beeindruckend dabei zu sein wie ein fast 50 Meter langer und 16 Tonnen schweres Rotorblatt von Elzach aus, vorbei an Häusern und durch den Wald den Berg hinauf gesteuert wurde.

Seit der Gründung des Vereins zur Förderung der Windenergie in Freiamt in 1997 ist viel entstanden. Freiamt hat sein Ausbauziel schon mehr oder weniger erreicht. Neben den bald sechs Windkraftanlagen und über 300 Photovoltaik-Anlagen nutzen die Freiämter auch Solarthermie, Biogas, Erdwärme und Wasserkraft. Der wesentliche Erfolgsfaktor, neben der geeigneten geografischen Lage und den vielen Sonnenstunden, sind vor allem die Menschen aus Freiamt, die die Entwicklung selbst voran getrieben und finanziert haben.

Mehr über Freiamt erfahrt ihr in den Interviews mit
Hannelore Reinbold-Mench (Bürgermeisterin von Freiamt)
Ernst Leimer (Verein zur Förderung der Windenergie in Freiamt e.V.)
Inge Reinbold (Bioenergie Reinbold)

Die Menschen in Freiamt haben zur richtigen Zeit gehandelt. Mit der neuen Fassung des EEG wird es schwieriger werden das gute Beispiel anderen Orts nachzuahmen.

Vor allem aber braucht es Menschen mit einer zupackenden Mentalität, wie hier in Freiamt, die einfach sagen „Das können wir selber!“ und auch bei Rückschlägen weitermachen. Für die Fläche, auf der jetzt das Windrad gebaut wird, wurden Pläne für Windräder von der zuständigen Behörde in 2004 bereits abgelehnt. Erst nach dem Regierungswechsel in Stuttgart bekam der Standort die Zustimmung der Behörde und damit eine neue Chance.

Auf eine neue Chance hoffe auch ich gerade. Nach dem durchwachsenen Start meines Projekts mit Knieverletzung und verschiedenen Verzögerungen hoffe ich nun auf ein Twike. Diese eindrucksvollen kleine Elektrofahrzeuge faszinieren mich, und das nicht erst seit ich am 12.April bei der Flüster-Demo (einer Art Autokorso von Elektrofahrzeugen in Freiburg) im Twike von Johannes Büttner mitfahren durfte. Also drückt mir die Daumen, dass ich die Tour mit einem Twike fortsetzen kann. Sonst bleibt mir nur die Alternative das Fahrrad für längere Strecken im Zug zu transportieren, da mein linkes Knie immer noch bei stärkerer Belastung Ärger macht. Vor allem aber könnte ich mit einem Twike das Thema Elektromobilität selber ausprobieren. Die Energiewende geht ja nicht nur Leute an, die gerne Fahrrad fahren, sondern alle.

Twike
Twikefahrt bei “Flüster-Demo” in Freiburg