Pellworm – erneuerbare Energien weiter gedacht

Bürgerwindpark
Bürgerwindpark im Nordosten der Insel Pellworm

Der Gegenwind war hart und gemischt mit Regen als ich über die Halbinsel Nordstrand zum Fähranleger Strucklahnungshörn fuhr um die Fähre nach Pellworm zu nehmen. Das änderte sich auch nicht als ich auf der Insel nach Westen in Richtung der Alten Kirche mit der zum Seezeichen gewordenen Turmruine radelte. Ich hatte längst eingesehen, dass Fahrradfahren auf dem flachen Land nicht immer so einfach ist. Rückenwind ist irgendwie sehr selten und Gegenwind kann härter sein als Steigungen, vor allem viel unberechenbarer.
Dieser Wind ist aber eigentlich gerade der Grund warum ich auf die Insel Pellworm gekommen war. Im Prinzip hätte ich die Reise auch hier auf Pellworm beginnen können, denn ähnlich wie in Südbaden reichen auch auf dieser nordfriesischen Insel die Anfänge der Energiewende bis in die 1970er Jahre zurück. Das 1983 erbaute Solarfeld war damals sogar das größte Solarkraftwerk Europas und in Kombination mit der Windkraftnutzung war es einmal das größte Hybridkraftwerk Europas. Heute gibt es vielerorts deutlich größere Wind- und Solarkraftwerke. Doch auf Pellworm wird weiter Pionierarbeit geleistet in der Erprobung von Speichertechnologien und intelligenter Vernetzung.

Solarfeld des Hybridkraftwerks Pellworm
Solarfeld des Hybridkraftwerks Pellworm

Seit 2013 wird hier an einem intelligenten Stromnetz geforscht. Das sogenannte SmartGrid soll Produktion, Speicherung und Verbrauch erneuerbarer Energien besser auf einander abstimmen und die Schwankungen zwischen stürmischen, sonnigen und windstillen Zeiten ausgleichen. Neben der Speicherung von überschüssiger Energie in einer Redox-Flow-Batterie und Lithium-Batterien werden die Produktion und der Verbrauch von Strom analysiert. Einige Haushalte auf Pellworm erhielten ein sogenanntes Smart Meter um das Verbrauchsverhalten genauer zu erforschen und Stromspeicher für den selbst erzeugten Photovoltaikstrom vom eigenen Dach.

Substrat für die Biogasanlage
Substrat für die Biogasanlage

Aber woher kommt es, dass eine Insel wie Pellworm in Sachen Energiewende von jeher so weit vorn liegt? Auf der einen Seite sind natürlich die Bedingungen ideal, die Sonne scheint annähernd so häufig wie in Südbaden und dazu weht häufig der Wind. Auf der anderen Seite sind es aber wieder einmal die einzelnen Menschen, die vorwärts denken und sich Gedanken machen darüber, wie sie das Leben auf ihrer Insel verbessern können. Seit Ende der 1980er Jahre haben sich Pellwormer Bürger im Arbeitskreis Energie des Vereins Ökologisch wirtschaften zusammengeschlossen und haben seither einen Bürgerwindpark, eine Biogasanlage und auch viele kleinere Projekte zur Energieeinsparung und Effizienzsteigerung gestartet.

Turmruine
Turmruine der Alten Kirche, Wahrzeichen und Seezeichen

Interessant ist vor allem, dass es auf Pellworm nicht mehr nur um den Aufbau einer zukunftsfähigen Energieversorgung geht. Das Ziel ist ganzheitlicher hier. „Es geht nicht nur darum „grünen Strom“ zu erzeugen und zu verbrauchen, sondern es geht darum die Bevölkerung zu motivieren sich an Energieeinspar- und Effizienzmaßnahmen zu beteiligen. Es geht aber auch darum mit der Nutzung regenerativer Energie etwas zur Stabilisierung des ländlichen Raumes zu tun“ erklärt der Arzt Dr. Uwe Kurzke, „wenn es uns gelingen würde über die Nutzung regenerativer Energien beispielsweise über eine Stiftung eine zusätzliche finanzielle Unterstützung für junge Pellwormer Familien mit Kindern in der Ausbildung zu finanzieren, könnten wir so vielleicht dem demografischen Niedergang der Insel ein bisschen Aufschub verschaffen. Insofern denke ich, dass es nicht mehr nur um die rein autarke Energieversorgung geht, es geht um mehr.”

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Vielleicht ist es die Insellage an sich, durch die die Menschen stärker verinnerlicht haben, dass jede Entscheidung Konsequenzen für alle hat und nicht nur für den Einzelnen, der davon profitieren will. Vielleicht ist das Bewusstsein für Umweltveränderungen stärker wenn man auf Meeresspiegelhöhe lebt. Die Menschen auf Pellworm geben ein Beispiel was möglich ist und von dem man viel lernen kann.
Ich jedenfalls habe viel gelernt. Die Interviews sind nun alle online, weiter geht es mit den Filmen, die ich jeweils etwa im Wochenabstand online stellen werde.

Zum Interview mit Dr. Uwe Kurzke (Verein Ökologisch Wirtschaften)
Zum Interview mit Kai Edlefsen (Geschäftsführer des Bürgerwindparks)
Zum Interview mit Henning Clausen (Geschäftsführer der Biogasanlage)
Zum Interview mit Werner Wulf (Schleswig-Holstein Netz AG)
Außerdem eine kleine Hausführung mit Christian Cornilsen und ein spontanes Kurzinterview mit Dieter Haack (Projektleiter, Schleswig-Holstein Netz AG)

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Berlin – Bürger wollen Stromnetz kaufen

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Es wird spannend in Berlin. Am 2. Juni lief die Frist für indikative Angebote für das Berliner Stromnetz ab. Neben Berlin Energie und Vattenfall hat auch die Bürgergenossenschaft BürgerEnergie Berlin ein Angebot eingereicht. Der Senat prüft nun die Angebote und wird Verhandlungen aufnehmen und entscheiden ob die Ende des Jahres auslaufende Konzession für weitere 20 Jahre an Vattenfall gehen wird oder ob in Zukunft auch die Bürgerinnen und Bürger Berlins an ihrem Stromnetz beteiligt werden.
Auf meinem Weg nach Norden erreichte ich Berlin gerade rechtzeitig zur Energiewende Demonstration am 10.Mai. Matthias Futterlieb von BürgerEnergie Berlin erklärte mir den ehrgeizigen Plan von mittlerweile über 2000 Berlinerinnen und Berlinern, die das Stromnetz der Hauptstadt in Bürgerhand bringen wollen.

Matthias Futterlieb am Infostand von BürgerEnergieBerlin
Matthias Futterlieb am Infostand von BürgerEnergieBerlin

„Wir sind der Meinung, dass es nicht im Sinne Berlins sein kann, dass das Netz weiterhin von Vattenfall betrieben wird und die sicheren Gewinne nach Schweden abfließen. Dieses Geld sollte besser in Energieprojekten hier in Berlin verwendet werden und in Teilen an die Bürgerinnen und Bürger zurück fließen“, sagt Matthias Futterlieb, „außerdem hat der Betreiber eines Stromverteilnetzes auch Einfluss auf den Erfolg und das Funktionieren der Energiewende. Wir sind der Ansicht, dass die Konzession, die jetzt neu vergeben wird, nicht wieder an Vattenfall gehen sollte.“
Vorbild sind in gewisser Weise die Elektrizitätswerke Schönau. Doch die Ausgangssituation hat sich in den letzten 20 Jahren verändert. „Die EWS mussten das örtliche Stromnetz kaufen, um ihre Idee einer ökologischen Stromversorgung umsetzen zu können und dem vorherigen Betreiber die Gewinne aus dem Netzbetrieb zu entziehen,“ erzählt Matthias Futterlieb, „heute ist das etwas anders. Jeder Stromnetzbetreiber ist grundsätzlich verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Quellen aufzunehmen. Mit höheren Anteilen regenerativen Stroms ändert sich aber auch die Rolle des Netzbetreibers, er muss heute Veränderungen im Erzeugungsmix antizipieren und proaktiv tätig werden. Dienst nach Vorschrift reicht nicht mehr. Darüber hinaus verbindet uns mit den EWS der Gedanke, dass die Gewinne aus einem regulierten Monopolbetrieb nicht an die Anteilseigner eines Atom- und Kohlekonzerns fließen müssen, sondern besser vor Ort für erneuerbare Energien und Energieeffizienz verwendet werden können.“

Zum Interview mit Matthias Futterlieb (BürgerEnergie Berlin)
Zum Interview mit Michael Sladek (Elektrizitätswerke Schönau)

Welzow – es bleibt noch der juristische Weg

Tagebaurand
Rand des Tagebaus Welzow vom Gut Geisendorf aus

Gestern am 3. Juni ist die brandenburgische Landesregierung der Empfehlung ihres Braunkohlenausschusses vom 28. April gefolgt und hat dem Braunkohlenplan und damit dem Aufschluss des Tagebaus Welzow-Süd Teilfeld II zugestimmt. Dies bedeutet, dass den betroffenen etwa 800 Einwohner von Proschim, Lindenfeld und einem Teil der Stadt Welzow nur noch der juristische Weg einer Klage bleibt, wenn sie ihre Häuser und Betriebe erhalten wollen. In Proschim trifft dies auch einen großer Landwirtschaftsbetrieb mit mehreren Solarkraftwerken und Biogasanlage. Petra Rösch vom landwirtschaftlichen Firmenverbund Proschim sprach bei der Sitzung des Braunkohlenausschusses von der größten Enteignung in der Geschichte der Bundesrepublik.

Protest vor der Sitzung des Braunkohlenausschusses
Protest vor der Sitzung des Braunkohlenausschusses am 28.4.2014 in Cottbus

Betroffen sind aber nicht nur diejenigen, deren Grundstücke in Anspruch genommen werden sollen. Auch für die Menschen in den angrenzenden Orten hat der Tagebau Folgen. In Welzow erzählte mir Hannelore Wodtke, wie es ist neben einem Tagebau zu wohnen. „Es gibt Tage da habe ich einen Messwert von über 60 Dezibel“, berichtet Hannelore Wodtke. „Die Bevölkerung, die weiter weg ist von der Tagebaukante, sieht unsere Gegend nur als schöne Gegend, durch den Tourismus und die vielen Seen. Aber die wirklichen Beschwerlichkeiten, die die Randbetroffenen haben, die werden nicht gesehen. Es gibt 30 Kilometer weg vom Tagebau Leute, die wissen noch nicht einmal wie ein Tagebau aussieht, welche Auswirkungen diese ganzen Beschwerlichkeiten haben und dass es zu Krankheiten kommt wie Kreislaufbeschwerden und Herzinfarkten.“

Windkraftanlagen bei Proschim
Windkraftanlagen bei Proschim

Die vielen Seen der Lausitz wirken idyllisch. Doch Versauerung, Verockerung und Rutschungen, wegen denen gefährdete Gebiete gesperrt werden müssen, können nicht ausgeschlossen werden. Der Aufschluss des Teilfeldes II und die zukünftige Flutung nach dem Abschluss der Kohleförderung machen die Stadt Welzow zu einer Halbinsel und das Dorf Lieske zu einem dünnen Landstreifen zwischen zwei Seen. Einige Hausbesitzer in der Nähe des Tagebaus verzeichnen bereits Schäden an ihren Häusern. Entschädigungsanträge waren jedoch bisher erfolglos, da die Schäden nach Aussage von Vattenfall Bauschäden und keine Bergbauschäden sind. „Obwohl die Häuser zum Beispiel 1903 gebaut wurden oder 1930 oder im Jahr 2000, fingen im Jahr 2004 bei allen Häusern gleichzeitig die Schäden an“, erzählt Hannelore Wodtke, die gemeinsam mit Vertretern der anderen vom Bergbau betroffenen Orte und verschiedenen Organisationen am 8. Mai den Verein Netzwerk Bergbaugeschädigter e.V. der Lausitzer Braunkohleregion gründete um eine Schiedsstelle zu schaffen, die mit neutralen Gutachtern die Schäden prüft und den Menschen zu ihrem Recht verhilft.

Zum Interview mit Hannelore Wodtke

Hannelore Wodtke
Hannelore Wodtke bei der Gründung des Netzwerks Bergbaugeschädigter am 8.5.2014

Rohne – Was man nicht mitnehmen kann

Vor dem Spaziergangs gegen Abbaggerung unterhält sich Edith Penk vor dem Bahnhof von Schleife mit einem Kamerateam und Menschen aus Rohne
Vor dem Spaziergangs gegen Abbaggerung unterhält sich Edith Penk vor dem Bahnhof von Schleife mit einem Kamerateam und mit Menschen aus Rohne

Während dem „Spaziergang gegen Abbaggerung“ hatte ich nur kurz Gelegenheit gehabt mit Menschen aus Rohne zu sprechen, also kam ich nochmal zurück nach Rohne. Edith Penk hatte mich eingeladen um mir die Naturlandschaft zu zeigen, die neben den Menschen und ihren Dörfern auch dem Tagebau weichen sollen. „Wenn man alles miteinrechnet, dann sind wenn der Tagebau alles gefressen hat 17 000 Hektar unserer schönen Heimat zerstört“, erzählt die Rentnerin Edith Penk, „Pücklers Jagdpark war voller alter Bäume, alte Buchen, alte Eichen, Kiefern, Fichten, Lärchen, Linden, Eschen, alles was man sich denken kann. Manche hatten ihre 400 Jahre auf dem Buckel.“ Von Orten wie der Jagdschlosswiese Fürst Pücklers und den Märchensee, von denen sie mir erzählte und Bilder zeigte, sah ich fast nur noch abgeholzte Flächen. Wegen Amphibien hat man rund um den ehemaligen Märchensee noch ein paar Bäume rundherum stehen gelassen, wie eine einsame Insel in der weiten gerodeten Fläche. Sind die Amphibien wieder weg werden auch der Rest der Bäume gefällt und gehäckselt denn dieses Abbaugebiet ist bereits seit 1994 genehmigt und wird nun gerodet und für den Tagebau vorbereitet. Der Jagdpark des Fürst Pückler und das Naturschutzgebiet „Urwald Weisswasser“ sind damit Geschichte. Edith Penk und ihr Sohn Christian versuchen seltene Pflanzen zu retten indem sie diese suchen und markieren, so dass sie umgesetzt werden können. „Man kann eine Genehmigung kriegen die Pflanzen zu kennzeichnen, die gerettet werden müssen, aber nur an bestimmten Stellen und meistens auch wenn es schon fast zu spät ist“, erzählt Edith Penk, „laut Gesetz ist es verboten geschützte Pflanzen zu entnehmen aber es ist nicht verboten, dass der Harvester oder irgendein Bagger die geschützten Pflanzen zerfährt.“

Zum Interview mit Edith Penk

Die Fläche rund um den "Märchensee" im bereits 1994 genehmigten Abbaugebiet ist schon gerodet
Die Fläche rund um den “Märchensee” im bereits 1994 genehmigten Abbaugebiet ist schon gerodet

Neben den Pflanzen, die nur in sehr geringem Umfang umgesiedelt werden können, sind es die Gebäude verschiedener historischer Baustile und die sorbischen Flurnamen, die die Menschen nicht mitnehmen können. Typisch für die Gegend sind Vierseitenhöfe, wie der von Ingo Schuster und seiner Frau Antje. Seit 2001 renoviert Ingo Schuster in Eigenarbeit zusammen mit Verwandten und Freunden seinen Vierseitenhof, genauso wie es auch sein Vater und sein Großvater getan hatten, die ihrerseits bereits ihre Höfe aufgeben mussten weil diese schon früheren Bergbauplänen im Weg waren. „Der Vierseitenhof, so in dem Stil mit vier Gebäuden mit Scheunenbereich, das kann man nicht mehr so aufbauen“, sagt Ingo Schuster, „da gibt es das sächsische Baugesetz. Wenn man nicht gerade einen Hof im landwirtschaftlichen Erwerb hat, dann ist es nicht mehr möglich das neu zu errichten. Das ist nicht mehr genehmigungsfähig.“ Er hat viel Zeit und Arbeit in diesen Hof investiert, entsprechend stark fühlt er sich mit diesem Ort verbunden. Andere Menschen in Rohne, die ihre Häuser nicht renoviert haben, sind dagegen teilweise froh ein neues Haus für ein Altes zu bekommen. So wächst ein Interessenskonflikt, zwischen denen, die sich Vorteile erhoffen wenn sie umsiedeln, und denen, die bleiben wollen. Ingo Schuster will bleiben und pflanzt junge Obstbäume entlang seiner Einfahrt, wo eine Woche zuvor die Kundgebung des Bündnisses „Strukturwandel jetzt – kein Nochten II“ stattgefunden hatte.

Zum Interview mit Ingo Schuster

Ingo Schuster pflanzt einen neuen Apfelbaum auf seinem Hof
Ingo Schuster pflanzt einen neuen Apfelbaum auf seinem Hof

Das Bündnis „Strukturwandel jetzt – kein Nochten II“ besteht seit Frühjahr 2013. Mitaufgebaut hat es Friederike Böttcher als Reaktion auf die mangelnde Bürgerbeteiligung im Erörterungsverfahren und die geringe Zusammenarbeit der verschiedenen Gruppen in der Region. Es gilt den geplanten Tagebau Nochten II zu verhindern. Wie der Namen des Bündnisses bereits deutlich macht, hat Sie aber auch das dahinterliegende Problem im Blick. Die Lausitz ist eine strukturschwache Gegend mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Einkohmmen. „Das Problem ist, dass in Sachsen noch nicht der Gedanke angekommen ist oder bewusst ignoriert wird, dass die Kohle so oder so leer sein wird. Auch wenn Nochten II aufgemacht wird, reicht die Kohle vielleicht bis in die 2060er Jahre“, erklärt Friederike Böttcher, „aber spätestens dann ist das Gebiet ausgekohlt und dann stellt sich die Frage wie geht die Zukunft der Lausitz weiter? Deswegen sind wir der Auffassung, warum so lange warten? Wir wollen jetzt anfangen über Zukunftsperspektiven der Lausitz nachzudenken. Wir wollen, dass auch noch in 50 Jahren junge Menschen hier wohnen, die sich für ihre Region engagieren und ihre Region lebenswert finden.“

Zum Interview mit Friederike Böttcher

Friederike Böttcher beim Spaziergang gegen Abbaggerung
Friederike Böttcher beim Spaziergang gegen Abbaggerung

Atterwasch – Zeigen, dass es auch anders geht

Mein Fahrradnavi funktionierte nicht mehr richtig. Es lag aber nicht daran, dass ich schon fast die polnische Grenze erreicht hatte. Das Ding war wirklich kaputt. Na ja, es spricht ja auch nichts dagegen nach Straßenschildern zu fahren. Mit Navi (oder mit Karte) wäre ich wahrscheinlich einen etwas schöneren oder direkteren Weg gefahren. So landete ich auf einem Weg, der schier endlos durch eine Kiefernmonokultur am Rand des Tagebaus führte. In regelmäßigen Abständen wiesen Schilder darauf hin, dass es nicht erlaubt ist den Weg zu verlassen, da man sich sonst auf dem Betriebsgelände des Tagebaus befindet. Als der Weg endlich wieder aus dem Kiefernforst hinausführte, wirkte die Landschaft um Kerkwitz, Grabko und Atterwasch mit grünen Wiesen und kleinen Wäldchen, Kühen und Bauernhöfen auf mich geradezu malerisch schön.

Atterwasch
Atterwasch

Einer dieser Bauernhöfe ist der Bauernhof Schulz in Atterwasch. Ulrich Schulz, sein Sohn Christoph und ihre Mitarbeiter führen in Atterwasch einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Hähnchenmast, Rindermast und Schweinemast, Biogasanlage, Photovoltaikanlage, Schlachtbetrieb und im Winterhalbjahr einer Fleischerei und bewirtschaften Ackerfläche, Grünland und Wald.
„Landwirtschaft und Energieerzeugung passen zu 100% zusammen“, meint Ulrich Schulz, „die Biogasanlage integriert sich natürlich in diesen landwirtschaftlichen Betrieb. Wir setzen ja nicht nur den Input aus der Landwirtschaft, sprich die tierischen Exkremente und nachwachsende Rohstoffe ein, sondern wir nutzen auch die Abwärme für unsere Ställe, für unsere Wohnungen und für unsere gewerblichen Teile des Betriebes.“ Mit der Leistung der Biogasanlage von 3 bis 3,5 Millionen kWh pro Jahr produziert Schulz rechnerisch den Bedarf von 1000 Durchschnittshaushalten und damit weit aus mehr als die Orte Atterwasch, Kerkwitz und Grabko mit zusammen knapp 900 Einwohnern verbrauchen. „Sicherlich wollen wir damit Geld verdienen, wir müssen damit Geld verdienen. Aber zum anderen wollten wir auch zeigen, wie Energie auch produziert werden kann ohne dafür Dörfer abzureißen, umzusiedeln, von der Landkarte verschwinden zu lassen“, erklärt Ulrich Schulz.

Zum Interview mit Ulrich Schulz


Bauernhof Schulz
Bauernhof Schulz

Auf dem Bauernhof Schulz leben vier Generationen. Antje Walter, die Lebensgefährtin von Christoph Schulz, hat das Kinderzimmer ihrer kleinen Tochter bemalt. Dabei drängt sich ihr die Frage auf, was sich überhaupt zu tun lohnt, wenn man nicht weiß ob man bleiben kann. „Ist ja gut und schön, dass die dir die Wände tapezieren in deinem neuen Zuhause“, sagt Antje Walter über die Neubauten, die Vattenfall umsiedlungswilligen Betroffenen anbietet, „aber das waren meine Kraft und meine Ideen, die ich da reingesteckt habe.“

Zum Interview mit Antje Walter

Die betroffenen Menschen entwickeln unterschiedliche Arten mit der Situation umzugehen. „Es gibt eine Gruppe, die sagt: ‘Wir bleiben da, wir kämpfen und wir wollen das Dorf erhalten!’ Es gibt die, die sehr resigniert sind, und es gibt durchaus auch ein paar Leute, die sagen: ‘Entscheidung, Geld her und wir gehen. Wir wollen das nicht mehr ertragen.’ Es ist eine ziemlich ungute Gemengelage“, sagt Monika Schulz-Höpfner, „Zusammenfassen würde ich das in dem Satz, der soziale Frieden ist nachhaltig gestört in den Gemeinden, bei uns in Atterwasch ganz besonders, wie ich finde.“ Sie lebt seit 30 Jahren in Atterwasch und ist seit 20 Jahren Landtagsabgeordnete für die CDU. Im brandenburgischen Landtag ist die Mehrheit für die Erweiterung der Braunkohletagebaue. Manche Politikerkollegen reduzieren ihre Aussagen zuweilen auf ihre eigene Betroffenheit. Doch Monika Schulz-Höpfner sieht auch eine positive Seite: „Ich kann mich da vorne hinstellen und kann sagen: ‘Und ich erkläre Ihnen jetzt mal, wie sich das anfühlt, wie sich das wirklich anfühlt.’“
Aber reden alleine hilft nicht. Monika Schulz-Höpfner möchte ein großes Bündnis zwischen Regierung, Gewerkschaften und den gesellschaftlichen Akteuren erreichen um die Energiewende in einem breiten Konsens voranzutreiben. Sorge macht ihr das aggressive Gegeneinander, das sich derzeit hochschaukelt zwischen den im Bergbau beschäftigten Arbeitern, die Angst um ihre Jobs haben, und Einwohnern der betroffenen Orte, die nicht wissen ob sie ihr Zuhause verlieren.

Zum Interview mit Monika Schulz-Höpfner

Atterwasch vom Kirchturm aus
Atterwasch vom Kirchturm aus

Matthias Berndt ist seit knapp 40 Jahren Pfarrer in Atterwasch. „Meine Aufgabe als Pfarrer ist es oftmals zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln und zu versuchen eine zukunftsweisende Lösung zu finden, gemeinsam. Zukunftsweisend heißt, dass es möglichst eine Lösung ist, mit der alle leben können. Wenn aber einer abgebaggert wird, kann er damit nicht leben und er muss woanders leben. Wenn einer seine Arbeit verliert, kann er damit nicht leben und er muss umziehen“, beschreibt der Pfarrer, für den mittlerweile eine Sonderpfarrstelle geschaffen wurde zur Seelsorge für die Braunkohleregion im Kirchenkreis Cottbus und um sich dafür einzusetzen, dass die christliche Aufgabe der Bewahrung der Schöpfung nicht aus dem Blick gerät.

Zum Interview mit Matthias Berndt

Dorfladen
Dorfladen des Kleintierzuchtvereins Kerkwitz

Zum Umgang mit der belastenden Situation gehört allerdings auch die Tagebauproblematik manchmal ausblenden zu können. So gibt es zum Beispiel bei Festen wie dem Maibaum-Aufstellen und dem anschließenden Dorffest die Absprache das Thema zu vermeiden, was mehr oder weniger gut gelingt. Wahrscheinlich ist dieses Vermeiden des Themas notwendig um als Gemeinschaft und auch als einzelner Mensch die Situation durchzustehen. Auch bei der Eröffnung des neues neuen Dorfladens in Kerkwitz blieb das Thema weitgehend ausgeklammert obwohl sogar der Ministerpräsident zu Besuch kam. Es ist wohl als positives Zeichen zu verstehen, dass der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke dem Dorfladen des Kleintierzuchtvereins Kerkwitz bei der Eröffnung am 1. Mai ein viele Jahre und Jahrzehnte langes Bestehen wünschte.

Dorfladen-Eröffnung
Eröffnung des neuen Dorfladens in Kerkwitz (links Ulrich Schulz, rechts Ministerpräsident Dietmar Woidke)

Optimistisch ist auch Pfarrer Berndt: „Ich bin da mit Zittern und Zagen und Bangen, recht zuversichtlich, weil ich davon ausgehe, dass der liebe Gott alle Menschen mit Vernunft ausgestattet hat, also auch die Politiker.“ Monika Schulz-Höpfner sieht die Zeit auf der Seite der Bewohner von Atterwasch, Kerkwitz und Grabko. Wenn die Entwicklung der Energiewende vorangeht wird es nicht mehr zeitgemäß sein Dörfer für Braunkohle zu opfern. Aufhören mit ihrem Engagement würde sie nicht, aber sie hofft bald sagen zu können: „Jetzt arbeiten wir an der Energiewende und nicht mehr nur daran, ich will bitte meine Heimat behalten.“

Dorffest
Dorffest in Atterwasch in der Nacht zum 1. Mai