Friederike Böttcher – Bündnis Strukturwandel jetzt – kein Nochten II

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Friederike Böttcher
Friederike Böttcher

Ich bin Friederike Böttcher. Ich bin 28 Jahre alt und wohne seit drei Jahren hier in der Oberlausitz in Neustadt und habe dort zusammen mit zwei, ehemals drei, anderen Menschen ein Hofprojekt gegründet. Wir bauen einen Hof wieder auf.

Das heißt Ihr seid eigentlich Zugezogene. War Dir das Problem mit dem Tagebau bereits bewusst, als Du hergezogen bist?

Genau, wir sind Zugezogene aus der Stadt eigentlich. Wir sind zusammen aus Potsdam hergekommen. Wir wussten vom Tagebau Nochten. Ich selber war auch an der Tagebaukante gewesen. Wir haben uns, bevor wir das hier gekauft haben, erkundigt ob hier unter Neustadt Braunkohle liegt, und hatten festgestellt, dass das nicht der Fall ist, dass wir also keine Sorge haben müssten abgebaggert zu werden. Wir haben uns aber weiter nicht informiert, sondern erst als wir hier dann schon gewohnt haben, haben wir festgestellt, der Tagebau soll erweitert werden in die Richtung der Gemeinde Schleife und haben dann erst festgestellt welche konkreten Auswirkungen das auf unser Grundstück haben würde.

Inwiefern hat der Tagebau Auswirkungen hier in Neustadt?

Wir haben festgestellt, als wir uns eingearbeitet haben in den Braunkohlenplan zu Nochten II, dass aus dem Tagebau später ein Restsee gemacht werden würde und die Oberkante des Sees mehrere Meter höher liegen würde als unser Grundstück und damit dann nach Flutung unser Tal fluten würde, weil das Wasser dann höher stehen würde als unsere Bodenkante.

Spinnerei
Wenn der Tagebau Nochten II eines Tages geflutet wird, würde auch dieses Grundstück unter Wasser stehen.

Wie habt Ihr hier die Bürgerbeteiligung erlebt?

Die Erörterung zum Braunkohlenplan für Nochten II im Dezember 2012 in Schleife, wo die Anwohner und Vertreter verschiedener Umweltverbände unter dem großen Credo Bürgerbeteiligung im Publikum waren um aufgeklärt zu werden über die eingereichten Einwendungen zu dem Plan, war für uns ein sehr starkes Aha-Erlebnis. In Wahrheit haben wir dann festgestellt, das ist alles Pustekuchen mit Bürgerbeteiligung weil die Bürger immer noch im Unklaren gehalten wurden, was mit ihrer konkreten Einwendung eigentlich passiert ist und welche Problematiken mit dem Tagebau tatsächlich verbunden sind. Die Bevölkerung und die Umweltverbände wurden gönnerhaft behandelt vom Planungsverband und es wurden ihnen Häppchen gegeben inhaltlich zu verschiedenen Thematiken, aber weiter passierte eben nichts. Wir haben dort festgestellt, dass die Bürger im Unklaren gehalten werden. Die Umweltverbände und die Bürger arbeiten nicht zusammen. Deswegen haben wir uns dann gekümmert die verschiedenen Interessengruppen in ein Boot zu holen um daraufhin im Frühjahr 2013 auch das Aktionsbündnis „Strukturwandel jetzt – kein Nochten II“ zu gründen.

Welche Auswirkungen haben die Planungen auf die Menschen?

Die Auswirkungen der Planungen und des Tagebaus sind vielfältiger Natur. In der Endkonsequenz ist es natürlich die Umsiedlung von 1700 Menschen hier vor Ort, von denen jetzt schon viele wissen, sagen wir vielleicht 50%, dass sie nicht vorhaben in die neuen Ortschaften zu ziehen, wie Neu-Rohne, Neu-Mulkwitz, weil die Leute gar keine Lust mehr haben in die alten Gemeinschaften zu ziehen. Die Frage ist warum. Da kommen wir nämlich zu der anderen Ebene, was passiert mit den Menschen schon während des Planungsprozesses? Die Gemeinschaft, die vielleicht mal bestand, wird schon durch die Planung zerrüttet weil natürlich sich die Dorfgemeinschaft aufspaltet in Leute, die gerne umsiedeln wollen, die darin eine Chance sehen, weil sie vielleicht Höfe besitzen, die marode sind, und die viel Geld bräuchten um den Hof wieder in Stand zu setzen, also ein schweres Erbe damit tragen müssen und sagen, „Ok, ich kriege die Abfindungssumme und baue mir einfach nochmal woanders ein neues Leben auf. Die können natürlich maximal mittleren Alters sein. Alle, die älter sind, haben trotzdem nicht mehr die Chance. Die kommen dann einfach nur in ein Altersheim oder in diese Alten-Wohnsiedlungen. Dann gibt es aber auch diejenigen, ebenfalls mittleren Alters, die nicht weg wollen weil sie ihre Höfe über Generationen vererbt bekommen haben, sich hier verbunden fühlen mit ihrer Heimat und ihre alten Höfe weiter erhalten wollen und die sich zur Wehr setzen wollen. Es gibt natürlich eine große Menge von Leuten, die mit ihrer Meinung hinter dem Berg hält und einfach abwartet, was jetzt passiert. Zwischen den verschiedenen Interessengruppen entstehen jetzt natürlich Konflikte. Der Nachbar sieht der andere Nachbar pflanzt wieder einen Baum um noch mehr Abfindungssumme zu kriegen. Es entsteht also schon während der Planungsphase unheimlich viel Zwist und Streit zwischen den verschiedenen Gruppen, was zur Folge hat, dass es auch zu Mobbing kommt, zu Ausgrenzung. Es werden Leute nicht mehr in die Vereine eingeladen oder nicht mehr zu Veranstaltungen eingeladen. Andere Leute haben Angst überhaupt ihre Meinung laut zu sagen weil sie Angst haben ein Problem vom Arbeitgeber zu kriegen.

Friederike Böttcher beim Spaziergang gegen Abbaggerung
Friederike Böttcher beim Spaziergang gegen Abbaggerung

Was können die Menschen nicht mitnehmen?

Die Menschen können zwar ihre alten Erinnerungen mitnehmen. Aber der Mensch ist auch materiell. Eine sehr berührende Aussage, die ich gehört habe als Zitat von der Untersuchung der Bernadette Jonda, die ein sozial-psychologisches Gutachten erstellt hat zum Umsiedlungswillen der Rohner Bevölkerung, war ein Zitat eines älteren Mannes, der gesagt hat, er will nicht umsiedeln weil er dieses Haus, in dem er jetzt lebt, mit seiner verstorbenen Frau verbindet. Jedes Detail in diesem Haus, jedes Türknarren, jeder Gegenstand, ist mit seiner verstorbenen Frau verbunden. Dieses Bild, was er jetzt hat, kann er woanders nicht mehr aufbauen. Er kann dann immer noch an seine tote Frau denken, aber so in diesem gesamten Ensemble wird das dann nicht mehr existieren.

Ist es ein Widerstand, der von einzelnen Personen getragen ist, oder wie groß ist der Zusammenhalt?

Ich glaube, dass es hier vor Ort keinen Zusammenhalt mehr gibt. Wenn es ihn mal gab, dann kann ich nicht beurteilen, wie er vorher war. Seit Vattenfall den Wunsch eingereicht hat an die Landesplanung, diesen Tagebau eröffnen zu wollen, zeitgleich gibt es eben schon die Planung vor Ort, die Umsiedlungsvorbereitung zwischen Vattenfall und der Gemeinde Schleife und der Gemeinde Trebendorf und seitdem zerrütten sich die Dorfgemeinschaften immer mehr. Insofern ist es für mich erkennbar als ehemals Außenstehende und jetzt zunehmend Involvierte, dass die Widerstandsbemühungen doch eher von Einzelpersonen getragen werden. Das sind zwar viele Einzelpersonen, aber dennoch Einzelpersonen, weil jetzt auf institutioneller Ebene, zum Beispiel auf Gemeindeebene keine ernsthaften Bemühungen unternommen wurden, den Tagebau tatsächlich zu verhindern. Statt dessen wurde sich sehr schnell mit dem Tagebaugedanken arrangiert und auf Gemeindeebene einfach versucht das Beste dabei herauszuholen.

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Was müsste denn eigentlich in Sachsen und Brandenburg passieren damit ein Strukturwandel stattfindet? Selbst wenn die Kohle noch abgebaggert wird, irgendwann ist sie leer.

Genau. Das Problem ist, dass in Sachsen noch nicht der Gedanke angekommen ist, oder bewusst ignoriert wird, dass die Kohle so oder so leer sein wird. Auch wenn Nochten II aufgemacht wird, reicht die Kohle dann vielleicht bis in die 2060er Jahre. Aber spätestens dann ist das Gebiet ausgekohlt und dann stellt sich die Frage vor allem für die Lausitz, wie geht die Zukunft der Lausitz weiter? Deswegen sind wir der Auffassung, warum so lange warten? Wir wollen jetzt anfangen über Zukunftsperspektiven der Lausitz nachzudenken weil wir wollen, dass auch noch in 50 Jahren junge Menschen hier wohnen, die sich für ihre Region engagieren und ihre Region lebenswert finden. Deswegen wollen wir darüber nachdenken und ein Baustein dafür muss eben sein, die Dörfer hier nicht abzubaggern. Das bedeutet gleichzeitig wir müssen mehr auf erneuerbare Energien setzen und diese Möglichkeiten haben wir hier vor Ort. Wir haben immer noch genug Raum um zu investieren in Windenergie beispielsweise und auch die Möglichkeiten der Photovoltaik sind hier bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

Woran liegt es? Wer blockiert?

Dass der Ausbau der erneuerbaren Energien blockiert wird liegt hier auch wieder an strukturellen Rahmenbedingungen. Es ist so, dass der Ausbau der Windenergie ganz stark behindert wird. Das Problem ist, dass die Lausitz beispielsweise sehr stark bereits aus Kippenflächen besteht und Kippenflächen nicht dafür ausgelegt sind Windenergieanlagen zu halten. Umso mehr Kippenflächen wir haben, umso weniger Windenergie können wir ausbauen. Das ist ein Problem. Und die Auflagen für Windenergiestandorte sind ungewöhnlich streng.
Ein anderer Punkt ist, dass die Gemeinden, die sich damit abgefunden haben, dass sie abgebaggert werden, natürlich auch nicht mehr in innovative Projekt investieren. Ein großer Vorreiter ist die Gemeinde Nebelschütz bei Kamenz, die versuchen zu investieren in erneuerbare Energien und in Bürgerkraftwerke beispielsweise, die von der Gemeinde getragen werden. Da haben die Gemeinden hier aber kein Interesse, oder noch nicht gehabt und werden sie wahrscheinlich auch nicht haben.

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Erneuerbare Energien in Deutschland