Matthias Futterlieb – BürgerEnergie Berlin

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Mein Name ist Matthias Futterlieb, ich bin Mitglied bei BürgerEnergie Berlin. Unser Ziel ist es, das Berliner Stromnetz zu kaufen.

Warum will BürgerEnergie Berlin das Stromnetz kaufen?

Wir sind der Meinung, dass es nicht im Sinne Berlins sein kann, dass das Netz weiterhin von Vattenfall betrieben wird und die sicheren Gewinne nach Schweden abfließen. Dieses Geld sollte besser in Energieprojekten hier in Berlin verwendet werden und in Teilen an die Bürgerinnen und Bürger zurück fließen.
Außerdem hat der Betreiber eines Stromverteilnetzes auch Einfluss auf den Erfolg und das Funktionieren der Energiewende. Es gibt zwar diverse gesetzliche Verpflichtungen die jeder Betreiber einhalten muss, aber es macht einen Unterschied ob der Netzbetreiber in seinen Ambitionen darüber hinausgeht. Auch vor diesem Hintergrund sind wir der Ansicht, dass die Konzession, die jetzt neu vergeben wird, nicht wieder an Vattenfall gehen sollte.

Was können Bürgergenossenschaften besser?

Zunächst einmal können sich Bürgerinnen und Bürger direkt beteiligen und über den Betrieb ihres Netzes mitbestimmen. Wir haben als Genossenschaft außerdem den großen Vorteil, dass das Renditestreben nicht im Vordergrund steht. Im Gegensatz zu anderen Netzbetreibern die in erster Linie die Renditeerwartungen ihrer Anteilseigner bedienen müssen, geht es uns darum, die Einbindung erneuerbarer Energien und eine intelligente Ressourcennutzung auch in der Großstadt voranzutreiben.

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Gibt es auch strukturelle Gründe, dass erneuerbare Energien ein anderes Netz brauchen als Atom- und Kohlestrom?

Auf jeden Fall. Die derzeitige Netzstruktur ist im Grunde auf die Durchleitung von oben nach unten, von der Übertragungs- auf die Niederspannungsebene ausgerichtet. Im Rahmen der Energiewende wird zunehmend lokal erzeugter Strom eingespeist. In Berlin geht es dabei hauptsächlich um Photovoltaikstrom der eher im Niederspannungsbereich eingespeist wird. Da muss Strom also zukünftig in zwei Richtungen fließen können. Wenn die Einspeiseleistung zunimmt braucht es Investitionen und Innovationen und wir sind nicht sicher, ob der derzeitige Netzbetreiber das im notwendigen Maßstab leisten kann und will.

Was ist denn schon da an erneuerbaren Energien in Berlin?

Berlin hinkt mit einem Anteil erneuerbarer Energien von 2,6 % ziemlich hinterher. Das ist natürlich in großen Teilen der urbanen Struktur geschuldet. Es gibt genau eine Windkraftturbine mit zwei Megawatt in Pankow. Sonst ist es hauptsächlich Photovoltaik, aber nur ungefähr 50 MW, besonders dort ist also noch sehr viel Luft nach oben. Und Blockheizkraftwerke natürlich, wobei da die Frage ist, in wie weit man BHKW den erneuerbaren Energien zurechnen möchte.

PV-Anlage auf dem Dach der HTW Berlin
PV-Anlage der Studierendeninitiative Einleuchtend e.V. auf dem Dach der HTW Berlin

Gehören die Photovoltaikanlagen hauptsächlich Privatleuten selbst oder größeren Betrieben?

So wie ich das einschätze, sind die Anlagen hauptsächlich gewerblich oder über Contracting installiert worden, weil Berlin eben eine Mieterstadt ist. Für Mieter ist es recht schwierig sich mit eigenem Photovoltaikstrom zu versorgen, das funktioniert nur in Abstimmung mit den Vermietern bzw. Wohnungsbaugesellschaften und ist auch juristisch aufwändiger. Mieterstromprojekte sind ein guter Ausweg aus diesem Dilemma: der Vermieter wird dabei unterstützt, PV-Anlagen auf sein Dach zu bauen und dann seine Mieter mit Photovoltaik-Strom zu versorgen.

Also ist BürgerEnergie Berlin nicht nur eine Genossenschaft zum Netzbetrieb sondern auch eine Genossenschaft für BürgerEnergie-Anlagen?

Nein, momentan geht es ganz klar um die Beteiligung am Stromnetz. Aber es ist schon so gedacht, dass wir die Gewinne aus dem Netzbetrieb nicht vollständig an die Mitglieder der Genossenschaft ausschütten, sondern die Gelder auch nutzen möchten um städtische Energieprojekte, zum Beispiel solche Mieterstromprojekte, voranzubringen. Dazu ist aber die Netzbeteiligung erstmal die entscheidende Voraussetzung.

Matthias Futterlieb am Infostand von BürgerEnergieBerlin
Matthias Futterlieb am Infostand von BürgerEnergieBerlin

Was sind die Aufgaben eines Netzbetreibers?

Der Netzbetreiber muss einen sicheren, zuverlässigen und leistungsfähigen Netzbetrieb gewährleisten und das Netz bedarfsgerecht ausbauen. Er muss Strom diskriminierungsfrei durchleiten, also gleichgültig, ob es sich um Strom aus erneuerbaren Quellen oder aus fossilen Brennstoffen handelt. Auf den Erzeugungsmix hat er keinen unmittelbaren Einfluss.

Das Vergabeverfahren läuft ja jetzt. Was sind die nächsten Schritte für BürgerEnergie Berlin?

Die nächste Hürde ist in einigen Wochen das indikative Angebot, also unsere Bewerbung auf eine Beteiligung im Kooperationsmodell. Im Herbst wird es dann um ein verbindliches Angebot gehen. Wenn alles so läuft wie wir es uns vorstellen, wären wir Ende 2015 zu einem möglichst großen Teil am Netz beteiligt.

Energiewende-Demonstration auf dem Wasser am 10.Mai 2014
Energiewende-Demonstration auf dem Wasser am 10.Mai 2014

Wie viele Leute machen jetzt schon mit?

Es läuft gut. 2.000 Bürgerinnen und Bürger haben sich bereits an der Genossenschaft beteiligt, entweder über Genossenschafts- oder über Treuhandanteile. Jeder kann mitmachen, dazu braucht man nicht in Berlin zu wohnen. Wir sind etwa 50 Aktive, die sich über die finanzielle Beteiligung hinaus in der BEB einbringen, also Infostände und Veranstaltungen machen, im Büro oder jetzt am Angebot mitarbeiten.

Wo kommt die Idee her?

Die Idee hatte Luise Neumann-Cosel; Ende 2011 wurde die Genossenschaft gegründet. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt noch nicht dabei. Die Motivation ist eine Ähnliche wie es vor 20 Jahren bei EWS im Schwarzwald der Fall war: Der integrierte Versorger, der dort sowohl für den Stromnetzbetrieb als auch für die Stromversorgung zuständig war, war den erneuerbaren Energien gegenüber nicht besonders aufgeschlossen. Einspeisevorrang, Vergütungen, die ganze Liberalisierung mit der Trennung zwischen Netzbetrieb und Stromversorgung gab es noch nicht.Die EWS mussten daher das örtliche Stromnetz kaufen, um ihre Idee einer ökologischen Stromversorgung umsetzen zu können und dem vorherigen Betreiber die Gewinne aus dem Netzbetrieb zu entziehen.

Heute ist das etwas anders. Jeder Stromnetzbetreiber ist grundsätzlich verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Quellen aufzunehmen. Mit höheren Anteilen regenerativen Stroms ändert sich aber auch die Rolle des Netzbetreibers, er muss heute Veränderungen im Erzeugungsmix antizipieren und proaktiv tätig werden. Dienst nach Vorschrift reicht nicht mehr. Darüber hinaus verbindet uns mit den EWS der Gedanke, dass die Gewinne aus einem regulierten Monopolbetrieb nicht an die Anteilseigner eines Atom- und Kohlekonzerns fließen müssen, sondern besser vor Ort für erneuerbare Energien und Energieeffizienz verwendet werden können.

Kraftwerk Reuter in Berlin
Kraftwerk Reuter in Berlin

Gibt es schon Nachahmer?

Zumindest nicht in der Größenordnung. Berlin hat das größte Verteilnetz bundesweit, und das wäre ein großartiges Signal wenn es jetzt in Berlin funktionieren würde. Es gibt natürlich Rekommunalisierungen in vielen anderen Städten, weil in den letzten Jahren viele Konzessionsverträge ausgelaufen sind. Das Modell mit direkter Beteiligung einer Genossenschaft am Netzbetrieb ist aber die Ausnahme. Die EnergieNetz Hamburg eG hat zum Beispiel einen ähnlichen Ansatz.

Welche Bedeutung hätte es politisch, wenn ihr Erfolg habt?

Wir würden hier in Berlin deutlich machen, dass wir erneuerbare Energien voranbringen wollen und im Altkonzessionär Vattenfall dazu nicht den geeigneten Partner sehen. Außerdem wäre es ein Indiz dafür, dass Bürgerbeteiligung vom Senat endlich ernst genommen wird, was in der energiepolitischen Debatte gerade des letzten Jahres nicht unbedingt der Fall war.

Demonstration "Energiewende nicht kentern lassen" am 10.Mai 2014 in Berlin
Demonstration “Energiewende nicht kentern lassen” am 10.Mai 2014 in Berlin

Wenn das jetzt klappt mit dem Netzkauf, wie geht es dann weiter in Richtung Energiewende?

Wenn es klappt, haben wir auf jeden Fall fortlaufende Einnahmen aus dem Netzbetrieb. Als Genossenschaft können wir dann entscheiden, welchen Anteil wir in städtische Energieprojekte investieren. Dieser Einsatz „für die Sache“ unterscheidet uns von einem ausschließlich renditeorientierten Netzbetreiber, der im Rahmen des gesetzlich Möglichen maximale Erträge erwirtschaften und an seine Anteilseigner ausschütten muss.

Wie würde Berlin idealerweise aussehen, wenn die Energiewende in der Großstadt funktioniert hat?

Auf jeden Fall wäre sehr viel Photovoltaik auf den Dächern zu sehen und mehr Solarkollektoren für Warmwasser und Heizung. Mehr Blockheizkraftwerke gerade in den Kellern von Mehrfamilienhäusern, eine deutlich verbesserte Abwärmenutzung. Es gibt viel Potenzial zum Beispiel für die intelligente Kopplung von Niedertemperatur-Abwärme in Verbindung mit solarbetriebenen Wärmepumpen. In einem gewerblichen Gebäude ist beispielsweise ein Wärmeüberschuss vorhanden, der mit hohem Energieaufwand weggekühlt werden muss, auf dem Nachbargrundstück gibt es einen Wärmebedarf, für den bisher zusätzliche Energie aufgewendet wurde. Die Verbindung liegt auf der Hand. Solche Potenziale müssen systematisch gesucht und erschlossen werden. Auch das ist Teil einer gelungenen Energiewende.

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Was müsste sich an den politischen Rahmenbedingungen ändern damit die Energiewende funktionieren kann?

Ganz akut gibt es deutlichen Korrekturbedarf bei der anstehenden EEG-Novelle, zum Einen was die Belastung des Eigenverbrauchs angeht. Die Grundidee, sämtlichen Stromverbrauch in die EEG-Umlage einzubeziehen, ist erstmal nicht verkehrt. Nur werden dabei die Falschen belastet: Selbstverbrauchter Photovoltaikstrom soll 50 % der EEG-Umlage zahlen, Industriestrom nur 15 % und Kraftwerks-Eigenverbrauch, also der Braunkohlebagger in der Lausitz, zahlt gar nichts. Umgekehrt wäre es richtig! Natürlich ist klar, dass das EEG kein Modell für die Ewigkeit sein kann. Aber gerade wenn der Eigenverbrauch der Photovoltaik umlagefrei bleibt, kann sie mit niedrigeren Vergütungen auskommen und entsprechend früher in den Markt entlassen werden.

Zum Anderen die Ausschreibungen. Ab 2017 soll das EEG-Modell durch Ausschreibungen bestimmter Kapazitäten ersetzt werden. Negative Erfahrungen anderer EU-Länder mit Ausschreibungen werden ignoriert. Gerade für kleine Anlagen, z. B. Bürgerprojekte, die sich nicht an einer aufwändigen Ausschreibung und den damit verbundenen Vorleistungen beteiligen können, ist das ein Problem. An Ausschreibungen können sich meist nur große, kapitalstarke Unternehmen beteiligen. Das wäre das Ende der Bürger-Energiewende. Dazu muss man sich klarmachen, dass die Energiewende bisher zum Großteil durch die Investitionen engagierter Privatleute umgesetzt wurde.

Auch im Bereich der Netze gibt es allerdings Rahmenbedingungen, die es Neueinsteigern wie der BürgerEnergie Berlin nicht gerade leicht machen. Die Kriterien, die im Vergabeverfahren zu Grunde gelegt werden, sind so angelegt, dass der alte Konzessionär gegenüber sämtlichen Neubewerbern deutlich im Vorteil ist. Bisher gab es keine Bereitschaft, da eine Neubewertung vorzunehmen. Auch hier müssten sich die politischen Rahmenbedingungen ändern, um Chancengleichheit herzustellen.

Demonstration "Energiewende nicht kentern lassen" am 10.Mai 2014 in Berlin
Demonstration “Energiewende nicht kentern lassen” am 10.Mai 2014 in Berlin

Was erhoffst Du Dir zum einen von der Demonstration morgen und zum anderen von den nächsten Wochen bis euer Angebot stehen muss?

Von der Energiewende-Demo erhoffe ich mir ordentlich politischen Druck, damit einige konkrete Verbesserungen der geplanten EEG-Novelle umgesetzt werden.. Vom Netzkonzessionsverfahren erhoffe ich mir natürlich, das für die BürgerEnergie Berlin eine Beteiligung am Stromnetz möglich wird. Zunächst ist es dafür wichtig, dass wir in die nächste Runde kommen, um dann ein verbindliches Angebot einreichen zu können.

Was ist deine Motivation, dich für BürgerEnergie Berlin zu engagieren, und warum sollten noch mehr Leute mitmachen?

Ich habe beruflich mit energiebezogenen Fragen zu tun, bin über eine Kollegin zur BEB gekommen und habe ein sehr engagiertes Team vorgefunden. Ich habe viel Spaß an der Tätigkeit und bin von der Sinnhaftigkeit des Anliegens überzeugt. Aus meiner Sicht wäre es nur logisch, dass eine städtische Infrastruktur die dauerhaft sichere Erträge einbringt, in Bürgerhand übergeht, um die Gewinne in Berlin zu halten.
Wir sind jetzt um die 2.000 Leute, die Mitglied in der Genossenschaft oder Treugeber sind, und es sollten noch mindestens zehnmal so viele werden. Ich könnte mir vorstellen dass wir noch einen deutlichen Anstieg erleben werden, wenn eine Beteiligung am Netz tatsächlich möglich wird.

Matthias Futterlieb
Matthias Futterlieb

Erneuerbare Energien in Deutschland