Hannelore Wodtke – Randbetroffene in Welzow

Ein altes Schaufelrad in Welzow
Ein altes Schaufelrad eines Kohlebaggers steht als Denkmal zwischen den Häusern an der Spremberger Straße in Welzow

Mein Name ist Hannelore Wodtke. Ich bin Randbetroffene aus Welzow. Wir haben eine neue Wählergruppe gegründet, wo ich Vorsitzende bin. Wir nennen uns „Grüne Zukunft Welzow“ und zwar weil es auch ein Leben nach der Kohle gibt. Dafür möchten wir uns einsetzen und die Bürger motivieren nicht aufzugeben sondern zu kämpfen und noch etwas aus dem Ort Welzow zu machen.

In Neupetershain oder in den Teilen von Welzow, die nicht abgebaggert werden, haben Sie ja gerade noch Glück gehabt, oder nicht?

Eher nicht, denn alle, die wirklich abgebaggert werden, die werden umgesiedelt, die kriegen die Entschädigung und können den Ort verlassen. Wir als Randbetroffene sind diejenigen, die aushalten und ausharren müssen bis zum bitteren Ende. Wir haben Sand, Sturm, Dreck, Lärm, alles was so zum Tagebau gehört.

Was genau sind die Auswirkungen für das tägliche Leben wenn man neben einem Tagebau wohnt?

Das tägliche Leben wird darin beeinflusst, dass Sie nachts nicht zur Ruhe kommen. Sie haben den Lärm vom Tagebau. Es gibt Tage, da habe ich einen Messwert von über 60 Dezibel. Auch bei schönem Wetter und im Sommer ist das Schlafen mit offenem Fenster überhaupt nicht möglich. Wenn Sie Pech haben, haben Sie gerade frisch gewaschen, dann kommt ein Sandsturm. Wenn es Ost-Südost-Wind ist, können Sie das Ganze vergessen. Kommt jetzt der neue Tagebau, falls der genehmigt wird, dann haben wir den Wind von drei Seiten außer von Norden. Nordwind ist am seltensten. Sprich wir haben die Beschwerlichkeiten von allen Seiten, egal von rechts, links oder von vorn. Es wird dann immer so sein.

Braunkohlenausschuss
Karte der von der Umsiedlung betroffenen Orte bei der Sitzung des Braunkohlenausschusses am 28.4.2014

Wie ernst werden diese Auswirkungen von den Politikern und den Tagebaubetreibern genommen?

Ich muss sagen ich bin von den Politikern eigentlich enttäuscht. Wir waren zur Landtagssitzung am 2. April und da hat unser Ministerpräsident gesagt, die Beschwerlichkeiten der Bürger sind ernst zu nehmen. In seiner Regierungserklärung hat er gesagt, dass die Befindlichkeiten der Bürger, vor allem was die Gesundheit betrifft, sehr ernst genommen werden müssen, bezüglich des Lärms vom BER. Dabei hatten wir den Eindruck, da wir uns auch schon an den Minister gewandt hatten, dass es in Brandenburg zweierlei Sorten Menschen gibt. Lärm ist Lärm, egal ob er jetzt aus einem Flugzeug kommt oder von einer Tagebauanlage. Wir sind vom Lärm sehr betroffen und auf uns wird keine Rücksicht genommen. Das hat uns natürlich sehr enttäuscht.

Randbetroffene bekommen die Folgen direkt mit. Aber wie ist es mit den Menschen in den angrenzenden Landkreisen. Sind die solidarisch mit den Betroffenen?

Die Bevölkerung, die weiter weg ist von der Tagebaukante, sieht unsere Gegend nur als schöne Gegend, durch den Tourismus und die vielen Seen. Aber die wirklichen Beschwerlichkeiten, die die Randbetroffenen haben, die werden nicht gesehen. Es gibt 30 Kilometer weg vom Tagebau Leute, die wissen noch nicht einmal wie ein Tagebau aussieht, welche Auswirkungen diese ganzen Beschwerlichkeiten haben, dass es zu Krankheiten kommt wie Kreislaufbeschwerden und Herzinfarkten. Das sind alles Folgen der Lärmbelästigung, wenn Sie die Nächte nicht durchschlafen können. Viele Berliner kennen nicht einmal den Tagebau. Die wissen gar nicht mal wie das hier aussieht. Also ist auch das Interesse an uns nicht so groß.

Tagebau Welzow
Tagebau Welzow

Was denken Sie, wie lange braucht Brandenburg noch Kohle?

Es ist errechnet worden, durch die Studie von dem Professor von Hirschhausen, dass dieser Tagebau der jetzt aktive Tagebau Welzow-Süd I bis zum Jahr 2027 ausgekohlt wird und dieser Zeitraum würde ausreichen das Kraftwerk Schwarze Pumpe zu beliefern, denn auch das Kraftwerk Schwarze Pumpe hat eine gewisse Haltbarkeit. Bis dahin ist die Kohle als Brückentechnologie zu verwenden und danach sind wir mit den erneuerbaren Energien so weit, dass wir die Bevölkerung versorgen können.

Besteht durch den Tagebau die Gefahr von Rutschungen?

Das ist natürlich eine große Gefahr, die gar nicht von den Politikern berücksichtigt wird beziehungsweise die eigentlich schön geredet wird. Wenn wirklich der Tagebau Welzow II kommen sollte wird Welzow eine Halbinsel. Auf allen drei Seiten wird in einer Tiefe von Hundert Metern alles weggebaggert weil da ja das Kohleflöz liegt. Wenn dann Wasser aufgefüllt werden sollte, in ferner Zukunft, dann kann es zu Rutschungen kommen. Unter Welzow ist noch der Alt-Bergbau, wo einzelne Stollengänge nicht verfüllt wurden und nur die Eingänge zugeschüttet wurden. Das ist dann wie ein Schwamm. Es gibt Gutachten, dass auch die Gefahr besteht, dass dann der ganze Ort mal verschwinden kann. Lieske hat am Sedlitzer See eine Dichtwand bekommen oder besser gesagt die ist jetzt noch im Bau. Die soll den Tagebau und den Ort schützen, dass der Sedlitzer See nicht in den Tagebau schwappt und damit das ganze Dorf Lieske mit sich mitreißt. Einschlägige Gutachten aus Freiberg wurden angefertigt, die bestätigen, dass die Gefahr der Rutschung groß ist.

Hannelore Wodtke
Hannelore Wodtke, vor der Messehalle wo der Braunkohlenausschuss den Aufschluss von Welzow-Süd II empfahl

Welche Möglichkeiten haben Sie noch dagegen vorzugehen?

Wir kämpfen. Wenn der Kabinettsbeschluss genauso lauten wird wie die Empfehlung des Braunkohleausschusses, dann muss der Klageweg beschritten werden und das wird dann auf jeden Fall erfolgen.

Wer kann gegen den Beschluss klagen?

Im Prinzip alle Beteiligten, in erster Linie werden es wahrscheinlich die Unternehmen machen, denn es ist ja immer auch eine Geldfrage. Wir als einzelne Organisation, wir werden unterstützt durch Parteien und so weiter. Wir werden natürlich auch mit Greenpeace zusammen arbeiten und dann den Klageweg beschreiten.

Gründung des Netzwerks Bergbaugeschädigter e.V.
Gründung des Netzwerks Bergbaugeschädigter e.V.

Wenn jemand an seinem Eigentum, sei es nun sein Haus oder sein Betrieb einen Schaden durch den Bergbau hat, gibt es dafür Entschädigung?

Im vergangen Jahr haben wir beantragt eine Schiedsstelle zu gründen, wo Bergbaubetroffene ihr Recht bekommen. Bisher ist es so, dass die Eigentümer, die Bergschäden an ihren Häusern zu verzeichnen haben und einen Entschädigungsantrag an Vattenfall gestellt haben, das nie bekommen haben. Es wurden im Prinzip alle Anträge mit dem gleichen Wortlaut einfach abgehandelt und es sind alles keine Bergschäden. Es wurde von Vattenfall einfachgesagt es sind alles Bauschäden. Obwohl die Häuser zum Beispiel 1903 gebaut wurden oder 1930 oder im Jahr 2000, im Jahr 2004 fingen bei allen Häusern gleichzeitig die Schäden an. Es kam zu Rissen, zu Bodenverschiebungen und damit zu Schäden. Und jetzt sind wir so weit, dass wir eine Schlichtungsstelle einrichten können um diesen Leuten zu helfen. Was wir mit der Schlichtungsstelle erreichen können sind wirklich neutrale Gutachter. Ich betone ganz stark das Wort “neutrale”, denn die Gutachter aus der Region sind alle mehr oder minder an Vattenfall gebunden und die Gutachten fallen dann entsprechend aus. Mit neutralen Gutachten können wir feststellen, ob es sich um Bergschäden handelt und helfen, dass der Bürger zu seinem Recht kommt. Daran arbeiten wir und in diesem Sommer soll die Schlichtungsstelle noch in Betrieb gehen.

Was passiert mit Betrieben und Häusern in Orten, die abgebaggert werden sollen, wenn die Menschen nicht umsiedeln wollen? Man kann doch niemanden einfach so enteignen?

Das ist das Bundesbergbaugesetz, was dringend geändert werden muss. Im Paragraphen 39, der wurde zur Nazi-Zeit geändert weil Hitler damals die Kohle gebraucht hat, damals hieß es, es dient dem Allgemeinwohl. Bis zur heutigen Zeit wurde an diesem Paragraphen nichts geändert und deswegen heißt es das Allgemeinwohl geht vor dem Einzelwohl der Leute.

Gründung des Netzwerks Bergbaugeschädigter e.V.
Gründung des Netzwerks Bergbaugeschädigter e.V.

Welche Schritte liegen noch vor Ihnen in der nächsten Zeit?

Wir hoffen, dass wir mit unserer neuen Wählergruppe in das Stadtparlament einziehen können und dann wirklich Nägel mit Köpfen machen können, denn wir wollen alles tun, damit Welzow lebenswert bleibt und wird – auch wenn Vattenfall nicht mehr irgendwelche Peanuts für Verschönerung ausgibt, die eigentlich niemand braucht.

Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Eigentlich möchte ich nur hinzufügen, dass Vattenfall doch mal ehrlich zu sich selbst sein sollte und möglichst aus Deutschland recht bald verschwindet.

Förderbrücke F60 im Tagebau Welzow
Förderbrücke F60 im Tagebau Welzow

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Erneuerbare Energien in Deutschland