Ingo Schuster – Rohne

Ingo Schuster trägt das "Ortsschild" seines Heimatdorfs Rohne bei dem Spaziergang gegen Abbaggerung
Ingo Schuster trägt das “Ortsschild” seines Heimatdorfs Rohne bei dem Spaziergang gegen Abbaggerung

Mein Name ist Ingo Schuster. Ich wohne mit meiner Familie in Rohne. 1997 habe ich das Haus meiner Eltern mitgebaut und dieses Grundstück hier haben wir 2001 gekauft und renoviert, um ein eigenes Grundstück zu haben. Jetzt sind wir langsam so weit, dass wir drin wohnen und es nutzen können.

Ich habe gehört Ihre Familie musste schon einmal wegen einem Tagebau umsiedeln?

Ich persönlich nicht, aber unsere Familie. Es ging um die Aufschließung des Tagebaus Nochten damals. Mein Opa musste seinen Hof aufgeben und ist dann nach Weißwasser gezogen. Mein Opa hat damals an der Spree gewohnt, hatte auch eine eigene Mühle gehabt und ein Gewerbe, Kühe im Stall, Landwirtschaft, Wald, Feld, alles was man braucht, richtig schöne Lage an der Spree. Meine Eltern genauso, die hatten auch einen schönen Hof am Wald, Einzellage, idyllisch. Hier ist es genauso, deshalb habe ich das auch so ausgesucht und nach und nach zurecht gemacht.

Ingo Schuster
Ingo Schuster

Sind Höfe wir Ihr Hof für die Gegend eine typische Art der Bauweise?

Ja, das ist die sorbische Siedlungsstruktur. Das Kerndorf, und dann in den Außenbereichen Einzelgrundstücke mit Vierseitenhöfen. Das macht die Gegend aus. Das sieht man eigentlich nur bei uns im Spremberger Bereich in der Lausitz. Es sind aber auch nicht mehr so viele zu haben. Wenn man hier weg müsste, alternativ wieder so was zu bekommen das ist sehr schwer. Wir haben schon mal gekuckt, aber das ist alles so kaputt gewesen, dass es dann auch keinen Sinn mehr hat. Da steckt man wieder viel Arbeit rein. Deshalb hängt man auch ziemlich dran. So viel verdient man hier in der Gegend nicht, also muss man viel in Eigenarbeit machen. In der Familie hat man sich gegenseitig geholfen. So wie man bei den Eltern den Hof gemeinsam in der Familie aufgebaut hat, so hat man das hier auch gemacht.

Der Vierseitenhof von Ingo Schulz und seiner Familie
Der Vierseitenhof von Ingo Schulz und seiner Familie

Was ist typisch sorbisch und kann nicht mitgenommen werden?

Das sind die Backsteinbauten, so wie sie hier errichtet sind. Der Vierseitenhof, so in dem Stil mit vier Gebäuden mit Scheunenbereich, das kann man nicht mehr so aufbauen wie das hier gebaut war weil das eine alte Bauart ist. Das wird heutzutage gar nicht mehr so gebaut. Man kann es auch so nicht mitnehmen. Da gibt es das sächsische Baugesetz. Wenn man nicht gerade einen Hof im landwirtschaftlichen Erwerb hat, dann ist es nicht mehr möglich das neu zu errichten. Das ist dann nicht mehr genehmigungsfähig. Da muss man sich einreihen in einen Bebauungsplan. Da sind die Grundstücke vielleicht ein Viertel so groß wie hier. Ich habe immer nach Feierabend gebaggert und mal Holz gesägt. Das ist eben unser Leben hier und keinen hat es gestört weil man ja im Außenbereich war. Im Dorf drin muss man sich umstellen, man muss das ganze Leben umstellen. Dann kann’s passieren, dass man sich da komplett umstellen muss in der ganzen Lebensform.

Nun haben schon relativ viele versucht sich eines der Umsiedlergrundstücke zu sichern. Sind das alles Befürworter der Tagebauerweiterung?

Nein, das sind nicht alles Befürworter. Einige sind Befürworter, die arbeiten selbst bei Vattenfall. Die haben ein schönes Leben, einen guten Verdienst, und das wollen sie auch nicht missen. Wenn man jetzt im Dorf drin wohnt und kein großes Grundstück hat, dann ist es keine große Veränderung wenn man in einen neuen Ort zieht und dann auch noch ein neues Haus kriegt. Das ist dann für viele sogar ein Gewinn bei der ganzen Geschichte. Die Häuser sind hier 1880 bis 1940 gebaut und wenn man nichts daran gemacht hat, dann sind sie ziemlich abgelebt. Man kriegt ein neues Haus für ein Altes und das zieht dann auch. Aber wenn man schon viel gemacht hat, dann will man das auch nicht gerne hergeben.

Baumaterial und junge Bäume - Ingo Schuster renoviert und erweitert seinen Hof seit mehr als zehn Jahren
Baumaterial und junge Bäume – Ingo Schuster renoviert und erweitert seinen Hof seit mehr als zehn Jahren

Das heißt vielen kommt das recht?

Einigen kommt das recht. Viele, die nehmen es auch hin. Wir sind hier kein rebellisches Volk. Wir unterwerfen uns halt der obrigkeitlichen Gewalt und nehmen das halt hin. Viele, die sagen: „Ach, man kann ja hier jetzt nichts mehr ändern. Der Bergbauplan ist genehmigt und wir müssen das jetzt machen.“ Und andere hängen an ihrer Scholle und versuchen jeden Strohhalm zu nehmen, dass es nicht so kommt. Die Sonne geht auf am Horizont, das wäre die Energiewende. Wir hoffen, dass sie schnell genug kommt, damit diese alte Kohleverstromung nicht mehr notwendig ist, damit hier nicht die Dörfer weggerissen werden und die Natur kaputt gemacht wird, nur um die Kohle rauszuholen und zu verbrennen und zu verstromen und Geld zu machen.

Die Energiewende geht langsam voran, vor allem in Sachsen. Woran liegt das? Fehlt da der Mut?

Der Mut ist es weniger, das ist die fehlende Struktur. Es ist ein Riesenbatzen Arbeit diese ganze Sache umzustrukturieren damit das anders läuft. Das läuft praktisch alles nur über die Braunkohle hier in der ganzen Gegend. Aber wenn das nicht angefasst wird, dann kommt das auch nie oder das System bricht irgendwann zusammen. Ich habe den Eindruck, Sachsen weiß das auch, aber die scheuen sich davor. Es macht einfach massiv Arbeit und es ist einfacher die Sache hier weiterlaufen zu lassen. Da ist die einfachste Lösung, nicht der schwierige Weg, sondern der Einfachste.

Kundgebung nach dem Spaziergang gegen Abbaggerung auf dem Hof von Ingo Schuster
Kundgebung nach dem Spaziergang gegen Abbaggerung auf dem Hof von Ingo Schuster

Was müsste passieren um Strukturwandel und Energiewende in Sachsen hinzukriegen?

Die müssen die Klimaziele ändern. Das funktioniert so nicht, so wie sie das jetzt betreiben. Mit den Klimazielen haben sie keinen Ansporn das zu machen. Wie schon gesagt, das muss jetzt angefangen werden diesen Strukturwandel zu realisieren. Ich habe wirklich Angst, dass das Zeitfenster für diese Umstrukturierung einfach mal zu kurz ist um die Fachkräfte hier zu behalten und lukrative Jobs für die Leute hier anzubieten damit sie hier nicht weggehen. Man muss auch die Infrastruktur sehen, wir sind hier ziemlich dünn besiedelt durch die großen Tagebaue. Man hat von Anfang an versucht, die Gegend hier als Kolonie zu nutzen, Rohstofflieferant für Kohle, Kiese, et cetera. Wir sind ziemlich reich davon. Aber es bleibt halt nichts übrig von der ganzen Natur, von der Lausitz, von der Schönheit, das ist fast alles weg. Der Fürst Pückler hatte hier die Grafschaft, das Jagdschloss, den Aussichtsturm, den chinesischen Turm, den er damals gemacht hatte. Das Jagdschloss ist wunderbar gewesen mit dem alten Baumbestand. Der ist jetzt gänzlich ausgelöscht, gänzlich, ist nicht mehr da.

Vierseitenhof von oben
Vierseitenhof vom Dach aus

Wie geht es in Rohne weiter?

Am 15. Mai wird der Bergbauplan veröffentlicht, dann wird er rechtskräftig und dann kann man im Umsiedlungsgebiet Baurechte erhalten. Das dauert natürlich auch noch zwei Jahre, dass die Leute dann dort hinziehen können. Aber viele Leute werden woanders ein Haus kaufen und wegziehen aus der Gegend. Dann passiert es eben, dass dieses Dorf auseinanderfällt. Es zerbröselt, es sind einige, die noch bleiben, einige, die umsiedeln wollen, und andere, die wollen gar nicht weg. Dann wird plötzlich mitten im Dorf ein Vierseitenhof abgerissen. Das ist so als ob man aus einem Bild ein Viereck rausschneidet, was das Gesamt-Ensemble kaputt macht. Dann hat man plötzlich dort ein Loch und genauso ist es jetzt bei uns im Dorf. Diese Narben werden eigentlich nie mehr wieder verheilen können. Die Heimat geht kaputt, so wie man sie kennt. Wir hatten im Dorf zwei Gaststätten. Da hatten die Schulzes hier vorne im Dorf diese große Gaststätte und auf der anderen Seite war das weiße Haus, auch eine Gaststätte. Man hat als junger Mensch dort Billard gespielt. Da ist man zum Tanz gefahren. Das war so Mittelpunkt und Treffpunkt. Das sind so Erinnerungswerte, die einfach ausgelöscht wurden. Die Inhaberin, die hatte die Gaststätte verkauft und Vattenfall hat dieses Grundstück genommen und hat das Haus und die Gaststätte abgerissen. Mitten in Rohne im Zentrum da sehen Sie jetzt diese Bretterwand, da stand die Gaststätte. Die hatte Geschichte, da war der erste Kolonialwarenladen, der erste Konsum, drin. Meine Frau habe ich dort kennengelernt. Das ist alles weg, das gibt es nicht mehr, unwiderruflich, abgerissen, fort. Wenn vorzeitig Leute ausziehen, dann werden diese Immobilien abgerissen und dem Erdboden gleich gemacht, eingeebnet, Rasen gesät. Die Obstbäume bleiben vielleicht noch stehen und das war’s. So geht eine Dorfstruktur verloren. Wem nützt diese Eile? Eigentlich nur dem Bergbaubetreiber, er schafft Tatsachen. Die Leute sind weg und das zermürbt die anderen Leute dann auch.
Um dem entgegenzuwirken gibt es eigentlich nur noch die Möglichkeit gegen diesen Bergbauplan eine Klage einzureichen. Das ist das Einzige, was man jetzt noch machen kann, damit man da eine einstweilige Verfügung bewirkt. So wird das erstmal gestoppt damit man Zeit gewinnt, so dass die Energiewende weiter voranschreiten kann und die Möglichkeit, dass es hier nicht mehr notwendig ist unser Dorf wegzureissen.

Ingo Schuster pflanzt einen Apfelbaum in seiner Einfahrt
Ingo Schuster pflanzt einen Apfelbaum in seiner Einfahrt

Wenn Sie noch Apfelbäume pflanzen, dann sind Sie ein Optimist, oder?

Ich bin ein Optimist. Ich will hier nicht weg. Ich kann bei mir auf der Scholle weiterleben und habe es so, wie ich es schon immer hatte. So schön wie jetzt habe ich es nirgendwo. Deshalb bleibe ich hier und will hier auch nicht weg. So lange wie die Möglichkeit noch besteht hierzubleiben, bleibe ich hier – leiben und hoffen, dass die Energiewende schneller kommt. Deshalb ist es auch mein Bestreben die Sache hier zu verzögern und erstmal sämtliche Strohhalme zu greifen.
Wenn man aus der gewohnten Umgebung umgesetzt wird und alles neu ist … fürchterlich, da will ich mich nicht reinversetzen, das ist fürchterlich. Deshalb kann ich die Diskussion auch nicht begreifen, wenn jemand irgendwas gegen ein Windrad hat. Ich würde liebend gerne neben mir ein Windrad haben. Aber so was mitzukriegen, dass sie hier die Häuser wegreissen und dass du dein Grundstück zur Abbaggerung freigeben musst, das ist Wahnsinn. Ich werde alles dafür tun, dass dieser Wahnsinn nicht zugelassen wird.

Ingo Schuster pflanzt einen Apfelbaum in seiner Einfahrt
Ingo Schuster pflanzt einen Apfelbaum in seiner Einfahrt

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