Ulrich Schulz – Landwirt in Atterwasch

Interview mit Ulrich Schulz, Landwirt und Ortsvorsteher in Atterwasch

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Wir sind hier auf dem Bauernhof Schulz, einem Landwirtschaftsbetrieb, einem Familienbetrieb, mit verschiedenen Produktionsausrichtungen. Wir produzieren Masthähnchen, Mastrinder und Mastschweine, betreiben nebenher eine Biogasanlage, haben als gewerblichen Nebenbetrieb eine kleine Photovoltaik und einen Schlachtbetrieb mit Verwurstung und eine kleine Fleischerei im Saisonbetrieb. Dazu gehören reichlich 700 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, reichlich 100 Hektar Dauergrünland und der Rest ist Ackerfläche. Dazu bewirtschaften wir noch reichlich 90 Hektar Kiefernforst.

Was brachte Sie auf die Idee zusätzlich zur Landwirtschaft eine Biogasanlage und eine Photovoltaikanlage zu bauen?

Wir haben nicht nur den Trend der Zeit erkannt, sondern haben die erneuerbaren Energien noch aus einem anderen Grund ausgewählt. Sicherlich, zum einen wollen wir damit Geld verdienen, wir müssen damit Geld verdienen. Aber zum anderen wollten wir auch zeigen, wie kann Energie auch produziert werden ohne dafür Dörfer abzureißen, umzusiedeln, von der Landkarte verschwinden zu lassen. Wir waren eigentlich bisher der Meinung etwas Gutes getan zu haben. Im Moment wird das von der Bevölkerung und von der Bundesregierung ein bisschen anders gesehen. Der Einstieg in die erneuerbaren Energien hat sich ja heute schon wieder zu einem Ausstieg entwickelt. Mit Erschrecken müssen wir feststellen, dass gestern (Anmerkung: 28.4.2014) der geplante Tagebau Welzow eine große Hürde genommen hat und den Braunkohlenausschuss passiert hat ohne viel Gegenwehr.

Welche Überlegung war zuerst da, die Idee in Energieerzeugung zu investieren oder der Gedanke dem drohenden Braunkohletagebau etwas entgegensetzen zu wollen?

Sowohl als auch. Wir sind 2007 überrascht worden mit der Nachricht, dass Atterwasch in dem nächsten Planverfahren mitbedacht ist. Das war für uns eine komplett neue Situation. Da haben wir natürlich überlegt, was können wir machen, wie gehen wir vor? Als wir uns gefangen hatten und, ich will nicht sagen ruhig schlafen konnten, aber doch zumindest wieder ein Auge zugemacht haben, haben wir gesagt, so können wir es nicht auf uns beruhen lassen. Wir versuchen zu zeigen, wie es geht Energie anders zu produzieren und mittlerweile ist es so, dass wir mehr Energie produzieren als die Dörfer Atterwasch, Kerkwitz und Grabko, also die drei betroffenen Dörfer, verbrauchen würden. Ich denke, das ist schon eine ganz erquickliche Sache, wenn man hier auf dem flachen Land sagen kann man wäre energieautark. Aber durch den Netzbetreiber und durch das EEG stellt sich das natürlich ein bisschen anders dar, weil wir ja selber kein Netz haben.

Biogasanlage
Biogasanlage auf dem Bauernhof Schulz in Atterwasch

Inwiefern passen Landwirtschaft und Energieerzeugung zusammen?

Landwirtschaft und Energieerzeugung passen zu 100% zusammen. Die Photovoltaik findet zu einem gewissen Teil auf landwirtschaftlichen Flächen statt, die Windräder stehen fast zu 100% auf landwirtschaftlichen Flächen und unsere Biogasanlage integriert sich natürlich in diesen landwirtschaftlichen Betrieb oder ist ein Teil dessen. Wir setzen ja nicht nur den Input aus der Landwirtschaft, sprich die tierischen Exkremente und nachwachsende Rohstoffe ein, sondern wir nutzen natürlich auch die Abwärme für unsere Ställe, für unsere Wohnungen und für unsere gewerblichen Teile des Betriebes. Also wir nutzen die anfallende Wärme zu einem recht großen Teil und das ergänzt sich natürlich. Die Energieerzeugung selber ist ein relatives Standbein für unseren Betrieb geworden weil wir ja die elektrische Energie selbst vermarkten und die Abwärme auf dem Betrieb nutzen. Das ist eigentlich ein Vorteil und wäre jedem Landwirtschaftsbetrieb mit einer relativen großen Viehhaltung zu wünschen.

Das heißt wenn Sie keine Biogasanlage hätten, müssten Sie für ihre Tiere viel zusätzlich heizen?

Ja sicher, gerade in der Hähnchenmast. Die kommen als Eintagsküken und haben natürlich einen recht großen Wärmebedarf. Die Ställe sind in den ersten Tagen mit 34°C beheizt und wenn wir das nicht über die Biogasanlage täten, würden wir an der Stelle sicherlich fossile Energie einsetzen, sprich mit Erdgas die Ställe beheizen. Der hohe Wärmebedarf setzt sich bei den Hähnchen fort. Sie werden ja nur 33 oder 34 Tage alt und haben fast die ganze Zeit einen Wärmebedarf.

Eintagsküken
Neue EIntagsküken mit Abwärme der Biogasanlage beheizten Stall.

Warum hat sich das noch nicht stärker durchgesetzt?

Es wird sich auch nicht mehr durchsetzen. Wenn dieses neue EEG so zum Tragen kommt, so wie es jetzt vorgesehen ist, dann wird das für landwirtschaftlichen Betriebe, so wie wir es sind, auch keine neuen Biogasanlagen geben. Denn zu 100 Prozent die Anlage mit den tierischen Exkrementen zu füttern ist in unserer Betriebsgröße schon nicht möglich. Das ist eigentlich nur in ganz großen Tierhaltungen möglich. Diese kleinen Anlagen, die sind einfach nicht mehr rentabel zu betreiben.

Andernorts sind die Regionen sehr stolz auf ihre „Bioenergie-Dörfer“. Wie ist das hier?

Ja, sicherlich, wir sind zumindest stolz darauf, was wir da gestemmt haben, und dass wir gezeigt haben wie es auch anders geht. Aber es ist heutzutage schon wie eine kleine Hetzjagd, die da von der Bundesregierung, sprich von Gabriel losgetreten wird, dass die autarken Energien diese hohen Stromkosten verursachen. Aber dem ist letztendlich nicht so. Das Netz steckt voll mit dem billigen Braunkohlestrom und die Biogasanlagen, die Windräder und die Photovoltaik-Anlagen werden in den Spitzenzeiten abgeschaltet und erhalten trotzdem ihre Vergütung. Das ist ein Paradoxon, dass das die Kosten nach oben treibt, dafür brauche ich keinen Taschenrechner.

Bauernhof Schulz in Atterwasch
Bauernhof Schulz in Atterwasch

Wie viel Strom erzeugen Sie mit ihrer Fläche und wie viel wird noch von anderen im Dorf erzeugt?

Mit der Photovoltaik ist es so, wir selber haben 18,5 kW und ich denke nochmal 18,5 kW werden es sein (Anmerkung: auf den Dächern anderer Bürger in Atterwasch), so dass Atterwasch, auf den Dächern 40 kW haben wird. Unsere Biogasanlage produziert zwischen 3 und 3,5 Millionen kWh jährlich.

Wie hoch ist der Energieverbrauch in Atterwasch?

Ja, das ist immer ein Rechenbeispiel. Wenn ich einen Haushalt anlege mit sage ich mal 3500 kWh, wie die Durchschnittsberechnungen immer so sind, dann macht das ungefähr 1000 Haushalte aus. So viele gibt es hier ja gar nicht in Atterwasch. Wir sind etwa 70 Hausnummern, also sagen wir etwa 80 bis 90 Haushalte. Auch wenn ich jetzt Kerkwitz und Grabko dazuzähle, dann ist es nicht mal damit erschöpft.

Sie sind Ortsvorsteher in Atterwasch, was können Sie politisch machen und wie stehen Ihre Mitmenschen hier in Atterwasch zu der Situation?

Atterwasch hat da eine ganz klare Position, wir sind nicht nur für den Nichtaufschluss des Braunkohlentagebaus Jänschwalde Nord, sondern wir sind dafür, dass die Braunkohlenverstromung wirklich mit den bestehenden Tagebauen ihr Ende findet. Wir verweisen darauf, dass das nicht mehr zeitgemäß ist, dieses CO2 in die Luft zu pusten und damit nicht nur die Umwelt jetzt sondern für die nächsten Generationen die Welt kaputt zu machen. Aber das Gewinnstreben der Konzerne ist eben höher und die Lobby der Verfechter der Braunkohle ist stärker. So lange wie die Landesregierung dahinter steht, wird sich da auch nichts ändern. Wenn nichts darangesetzt wird, die Arbeitsplätze aus der Kohle umzuwandeln in Arbeitsplätze in der erneuerbaren Energie, kann sich auch nichts ändern.
Zu Atterwasch selber nochmal zurück, wir tun alles um diesen drohenden Tagebau hier noch zu verhindern. Ob es schließlich reichen wird, wird die Zeit zeigen. Aber sicherlich denkt nicht jeder so wie die Mehrheit und wie ich. Das kann man den Leuten auch nicht verübeln. Jeder kann mit seinem Eigentum machen, was er für richtig hält. Wenn er der Meinung ist die Kohle ist die Zukunft, dann kann man das auch keinem verwehren. Aber, ich betone nochmal, die Mehrheit oder die große Mehrheit der Atterwascher ist für den Ausstieg aus der Braunkohle und so für den Nichtaufschluss von Jänschwalde Nord.

Braunkohlenausschuss
Ulrich Schulz bei der Sitzung des Braunkohlenausschusses am 28.4.2014 in Cottbus

Was unternehmen Sie um die Situation von Atterwasch zu verbessern?

Die Situation zu verbessern ist im Moment ganz schwierig. In den letzten Bürgerversammlungen ist relativ viel gestritten worden, über den drohenden Tagebau und über Vattenfall. Die Befürworter des Ganzen haben da versucht Oberwasser zu kriegen und haben versucht unsere Autorität zu untergraben. Das haben wir abgelehnt und abgewehrt. Aber es ist im Moment so, zur nächsten Kommunalwahl wählt Atterwasch keinen Ortsbeirat, weil nur ein Bewerber da ist und bei nur einem Bewerber wird nicht gewählt. Das ist relativ symptomatisch für ein Zerwürfnis. Die eine Seite, die lauthals in der ersten Reihe sitzt und alles besser weiß, übernimmt die Verantwortung nicht. Wir haben noch ein halbes Jahr Luft. Aber in dem halben Jahr wird auch nichts passieren.

Wann wird denn etwas passieren?

Wenn es so kommt, dass sich Bewerber finden, dann wird eventuell zur Landtagswahl im September der Ortsbeirat mitgewählt. Oder aber es ist dann wieder kein Kandidat da, dann droht die Zwangsverwaltung durch die Großgemeinde.

Wie sind dann noch die Chancen sich gegen die Enteignung und den Abriss des Dorfes zu wehren?

Die Chancen werden halt immer geringer, weil diejenigen, die es betrifft, dann kein Mitspracherecht mehr haben und diejenigen, die von Vattenfall das Geld nehmen, über uns entscheiden werden. Na ja, wir müssen es mal rankommen lassen. Es ist ja noch ein halbes Jahr Zeit.

"Fütterung" der Biogasanlage
“Fütterung” der Biogasanlage

Wie optimistisch sind Sie?

Ja, ich bin schon optimistisch, dass das weitergeht hier im Ort selber, denke ich schon.

Der Widerstand wird sich schon wieder formieren?

Ja, sicherlich in jedem Fall, wobei ich da differenzieren muss. Widerstand ist in meinen Augen nicht Widerstand. Sicherlich ist es so, wir lehnen den Tagebau ab, das ist richtig. In diesem Zusammenhang ist es aber auch so, wir können uns da nicht verwehren. Proschim hat es getan und wenn das in Proschim jetzt dumm läuft, wird von der Landesplanungsbehörde über einen Umsiedlungsstandort entschieden ohne ein Mitspracherecht aus Proschim. So weit würde ich es hier nicht kommen lassen wollen. Wir sind mit Vattenfall in Kontakt über verschiedene Sachen, aber müssen deshalb nicht alles für gut heißen, was Vattenfall tut.

Welche Möglichkeiten haben Sie noch einzuwirken auf das Land und die Entscheider?

Die Möglichkeiten sind relativ simpel. Das geht nur über einen breiten Bürgerprotest, sich zu zeigen und seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Denn ein direktes Verfahren dagegen sehe ich nicht mehr. Wir hatten ja dieses Bürgerbegehren durchgeführt und haben da erkennen müssen, dass je weiter man sich von dem Kerngebiet, also von diesen drei Orten entfernt, das Interesse für dieses Thema spürbar nachlässt. Das heißt, dass es in den Nachbargemeinden schon weniger wird als in den betroffenen Gemeinden und dass es in den Nachbarlandkreisen noch weniger wird, bis hin zu den entfernten Zipfeln in Brandenburg, wo dann gar keine Reaktion mehr dazu kommt. Das war eine recht bittere Erkenntnis, aber eine Erkenntnis, die auch ein bisschen die Augen öffnet und erkennen lässt wo stehen wir eigentlich.

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Haben Sie eine Erklärung dafür? Ist die Idee der Energiewende in den Köpfen nicht angekommen?

Die Idee der Energiewende, die ist auf gar keinen Fall irgendwo angekommen. In den entfernteren Dörfern, in den entfernteren Landkreisen, kann ich heute noch belegen wie viel Prozent damals aus dem Landkreis Oder-Spree auf unseren Listen unterschrieben haben. Die Erkenntnis, dass das CO2 in diesen Dörfern verpresst werden sollte, die ist etwas später gekommen, und deshalb hat sich dieser Widerstand dort auch erst etwas später geregt, als es dann an das eigene Hemdchen ging. Vorher war das noch nicht so. Sicherlich stellt man sich heute an eine Front und sagt, gut was gewesen ist, ist gewesen. Wir müssen mit vereinten Kräften vorgehen. Aber bei mir zumindest hängt es viel im Hinterkopf.

Gibt es noch etwas, das Sie hinzufügen möchten?

Ich würde mich freuen, wenn man das mit dem Beitrag ein bisschen tiefer in die Köpfe gekriegt hätte, dass es unbedingt nötig ist den Umstieg zu schaffen weg von den konventionell erzeugten Energien hin zu Erneuerbaren und dass die Technik es schafft noch mehr Speichermöglichkeiten aufzubauen, gerade mit dem Biogas. Es ist ja nicht so, dass Biogas am Standort wo es produziert wird, verstromt werden muss. Biogas geht aufzubereiten, geht zu sammeln, in das Leitungsnetz einzuspeisen und an geeigneter Stelle auch wieder rauszuholen um ein größeres Kraftwerk zu betreiben. Aber im Moment ist es einfacher ein Tagebauverfahren durchzukriegen, die Kohle rauszuholen, ganz makaber mit einem ganz hohen CO2-Ausstoß zu verbrennen und daraus Strom zu machen.
Sicherlich das EEG ist etwas, wo ein paar Fehler gemacht worden sind. Aber es wurde erstmal der Weg aufgezeigt, was funktioniert. Das, was jetzt gemacht wird, diese Hexenjagd darauf, das ist einfach nur der Kohlelobby zu schulden und der Angst, wirklich etwas tiefer in die Tasche zu greifen und ein paar Cent mehr zu zahlen für den Strom. Dass die erneuerbaren Energien jetzt verteufelt werden die Preistreiber zu sein, das ist so nicht richtig. Aber es ist eben wahrscheinlich einfach, das so zu erklären und in der Bevölkerung durchzusetzen. Denn es ist letztendlich auch so, dass keiner den Abstrich machen will auf seiner Energierechnung und sagen will: „Ich gebe wirklich jetzt ein paar Cent mehr und weiß dafür wie der Strom produziert wurde und wo er herkommt.“ Dieses Denken ist in der Bevölkerung noch nicht so weit. Das wird erst so weit sein, wenn es wirklich so ist wie in China, dass alle mit dem Mundschutz gehen müssen. Vielleicht kommt dann die Erkenntnis.

Ulrich Schulz mit Enkelin
Ulrich Schulz mit Enkelin

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