Kai Edlefsen – Bürgerwindpark Pellworm

Kai Edlefsen
Kai Edlefsen

Mein Name ist Kai Edlefsen, ich komme von der Insel Pellworm, bin hier ansässig als Landwirt, ich bin hier bei der Kirche als Küster angestellt und bin auch in der Geschäftsführung des Windparks hier auf der Insel. Erneuerbare Energien oder die Nutzung von Windkraft gibt es schon seit Urzeiten hier und gerade die Insel hat sich auch schon in den 1970er Jahre mit der Nutzung der modernen Windkraft, also der Nutzung der Windkraft für die Stromerzeugung, beschäftigt. Das heißt es wurden hier auf der Insel Versuchsfelder errichtet und dies ist dann weiter ausgebaut worden. Der Windpark hier auf der Insel ist 1997 aufgebaut worden von einer Bürgergesellschaft, bestehend aus 42 Gesellschaftern. Ab 2003 circa hat man hier auch sehr auf die Nutzung der Photovoltaik gebaut. Das ist im überwiegenden Stile privat erfolgt. Seit 2005 betreibt die Insel auch in Form einer Betreibergesellschaft eine Biogasanlage. Diese Gesellschaft besteht hauptsächlich aus Pellwormern, sowohl Nicht-Landwirten als auch Landwirten.
Wir arbeiten hier auf der Insel mit den erneuerbaren Energien sehr stark vernetzt. Dazu haben wir uns schon vor vielen Jahren im Verein „Ökologisch wirtschaften“ mit Energiekonzepten auseinander gesetzt. Wir haben das letzte Energiekonzept 2009/2010 aufgelegt, wo wir eine Bestandsanalyse aufführt haben und uns Zukunftsvisionen zurecht gelegt haben, in Form eines sogenannten Masterplans. Durch diesen Arbeitskreis Energie bekommen wir eine besondere Akzeptanz auf der einen Seite und auf der anderen Seite auch einen besonders umfassenden Blick für die Dinge. Also, was bedeutet es zum Beispiel wenn man eine Biogasanlage baut? Was hat das für einen Umfang? Was hat das für einen Einfluss auf die Menschen? Oder, wo ist noch Bedarf, zum Beispiel in der Energieeinsparung? Das hat zum Beispiel erbracht, dass wir auf Grund der vielen Altgebäude noch einen Sanierungsbedarf haben.

Turmruine
Turmruine der Alten Kirche, Wahrzeichen und Seezeichen

Wer oder was war die treibende Kraft, dass hier so früh schon Solar- und Windkraftanlagen gebaut wurden und dass die Insel jetzt mit der Entwicklung der erneuerbaren Energien so weit vorne liegt?

Die treibende Kraft sind natürlich im wesentlichen die Menschen hier vor Ort. In den 1970er Jahren mit dem Errichten dieses Versuchsfelds, da waren es auch die politischen Verantwortlichen. Treibende Kraft sind es aber letztendlich einzelne Akteure hier auf der Insel gewesen, die das voran gebracht haben. Die Menschen hier haben schlichtweg erkannt, dass es besser ist mit erneuerbaren Energien zu arbeiten, zu planen, zu entwickeln und einfach darauf zu setzen. Es sind nicht einzelne Personen alleine gewesen, sondern es sind viele private Personen gewesen. Zunächst waren es einzelne Interessenten, die einzelne Windkraftanlagen aufgestellt haben wollten, die aber dann erkannt haben, wir haben ja alle eigentlich die gleichen Interessen. Auch Planungsbehörden, Verwaltungen, Bauverwaltungen haben gesagt: „Wenn ihr alle das Gleiche habt, schließt euch doch zusammen.“ Und das hat natürlich auch gewisse Verfahren erleichtert. Dadurch kann man planerisch eine Insel besser überplanen, wenn man einen Windpark nicht verteilt über die Insel sondern in bestimmten Bereichen plant. Natürlich, man darf nicht vergessen, man muss viel Mut zeigen und auch Risiken eingehen und das ist natürlich in der Gemeinschaft deutlich einfacher zu tragen als wenn ein einziger das Risiko auf sich nimmt.

Es waren ja nicht von Anfang an alle von den erneuerbaren Energien überzeugt. Wie haben Sie Ihre Mitbürger überzeugt?

Ja, das ist richtig. Wir sind durch einen Prozess gegangen intensiver und auch emotionaler Diskussionen. Das haben wir besonders bei der Errichtung des Windparks in den 1990er Jahren erlebt. Viele Menschen waren überaus skeptisch ob das eintritt, was man sich davon versprach, ob diese Techniken überhaupt funktionieren, ob sie den Belastungen des rauen Klimas hier überhaupt standhalten können. Die Menschen hier sind sehr praktisch und pragmatisch orientiert. Sie fragen sich nach der Nachhaltigkeit. Was ist dauerhaft? Zum Beispiel wir sitzen hier in einer Kirche, die schon über 900 Jahre alt ist und das ist auch so der Maßstab hier auf der Insel, zu erkennen wie dauerhaft sind Entwicklungen. Ein anderer Aspekt war der Einfluss auf das Landschaftsbild. Es war einfach ungewohnt auf einmal standen neben einem Leuchtturm oder einer Kirche Windräder. Das hat dazu geführt natürlich, dass wir mit den Standorten auch explizit darauf eingegangen sind. Auch der Einfluss auf Natur, Umwelt, Vogelwelt, wie sind dort die Einflüsse? Das ist natürlich ein Prozess gewesen in der Planung, wo man sehr intensiv diskutiert hat. Es sind nachher Lösungen herausgekommen, die aus meiner Sicht sehr verträglich waren für alle Seiten und zwischenzeitlich ist es so, dass wir eine sehr gute Akzeptanz erhalten haben. Man hat erkannt, dass die Technik, die man dort verbaut hat, läuft, dass die Umwelt sich darauf einstellt und dass vor allem für die sogenannte Wertschöpfung hier vor Ort ein sehr wertvoller und sinnvoller Beitrag geleistet worden ist. Wir haben Akzeptanz gewonnen. Man befürchtete Windräder hätten einen negativen Einfluss auf den Tourismus, auch hier möchte ich sagen es ist das Gegenteil dessen der Fall. Viele Gäste fragen nach diesen Techniken, sind interessiert und fühlen sich nicht von dieser Technik beeinflusst. Aber das kommt auch daher weil wir sehr behutsam geplant haben.

Bürgerwindpark im Nordosten der Insel Pellworm
Bürgerwindpark im Nordosten der Insel Pellworm

Was können andere Städte oder Regionen von Pellworm lernen im Bezug auf Akzeptanz?

Akzeptanz fängt damit an, dass man sich gegenseitig vertraut und Vertrauen aufbaut. Das heißt auch, dass gewisse Projekte sich auch zurücknehmen und sich Zeit geben. Man kann solche Projekte nicht von heute auf morgen einfach durchziehen. Es muss sehr umfassend informiert werden, man muss die Bürger einbeziehen in die Projekte. Das wird in Form dieser Bürgergesellschaften erreicht, das heißt auch Beteiligung an der Wertschöpfung. Das ist ein Paradebeispiel, das hier in Norddeutschland an der Westküste gelebt wird in Form der Bürgerwindparks. Wichtig ist natürlich auch für diejenigen, die nicht in solchen Beteiligungsgesellschaften dabei sind, dass man sie trotzdem umfassend informiert. Das wird durch Beteiligungsverfahren in der Planung sichergestellt, dass die Bürger umfassend informiert werden und natürlich auch das Recht zum Widerspruch haben, wenn es Dinge gibt, wo sie anderer Meinung sind. Es ist wichtig, dass miteinander gesprochen wir und eine Beteiligung für den Bürger möglich ist. Das ist eigentlich das Kernelement. Wir hier auf einer kleinen Insel in der Nordsee sind ohnehin sehr stark darauf angewiesen, dass wir miteinander unser Inselleben weiterentwickeln. Da kann man nicht mit Einzelinteressen durchlaufen. Das wird hier auch sehr kritisch jeden Tag wieder hinterfragt, dass man das miteinander macht.

Wie viel Strom und Wärme wird hier auf Pellworm produziert und wie viel verbraucht?

Also Strom aus Windrädern wird circa 14 Millionen Kilowattstunden produziert. Der Windpark besteht aus acht Anlagen zu je 600 kW Nennleistung. Das entspricht einer Gesamt-Nennleistung von 4800 kW. Diese Windkraftanlagen können je Anlage im Schnitt der Jahre 1,6 Millionen Kilowattstunden produzieren. Damit können 400 Haushalte versorgt werden, wenn man unterstellt, dass ein Haushalt 4000 kW verbrauchen würde im Jahr. Das ist also eine ganze, ganze Menge. Wir hier auf der Insel können natürlich diese Menge nicht alles verbrauchen, wenn wir im Schnitt bei 600 bis 700 Haushalten liegen. Wir haben neben dem Windpark noch Einzelanlagen. Die Windkraftanlagen können hier Erträge erwirtschaften bis zu 3000 Volllaststunden. Das Jahr hat über 8000 Zeitstunden. Das also ist ein sehr hoher, sehr guter Wert und deswegen ist es für uns ganz besonders interessant hier Windkraft zu nutzen.

Sicherungen im Hybridkraftwerk
Sicherungen im Hybridkraftwerk

Die Energie, die hier erzeugt wird, würde ausreichen für die Bewohner Pellworms?

Ja, das reicht bei Weitem aus. Dazu haben wir unser Energiekonzept auch verwendet um eben dies genau zu beleuchten. Wir haben ja neben den Windrädern zum Beispiel die Biogasanlage, die hat eine Nennleistung von über 500 kW. Dort werden vom Strom her über 4 Millionen Kilowattstunden produziert, die kommen zu den Ertragsleistungen der Windkraft noch hinzu und bei Biomasse kommt auch noch die Wärmeleistung hinzu, damit werden Einheiten wie zum Beispiel das Schwimmbad mitversorgt. Die Versorgung der Insel ist sicher gestellt. Wir sind sehr häufig in der Situation, dass wir Strom über haben und dieser Strom wird dann über’s Seekabel zum Festland geleitet.

Sie brauchen das Stromnetz also hauptsächlich um Strom zu exportieren. Oder ist es das Ziel sich vom Stromnetz komplett abzukoppeln?

Eine totale Selbstständigkeit können wir aufgrund der technischen Gegebenheiten nicht. Natürlich möchte man im weitesten Sinne gesehen autark sein, aber man möchte natürlich auch eine Energie-Plus-Region sein. Wir wollen den guten Pellwormer Strom auch zum Festland leiten weil das für uns eben eine sehr wertvolle Wertschöpfung ist.

Smart Meter
Smart Meter

Jetzt gibt es seit letztem Jahr das intelligente Stromnetz. Was ist bisher gemacht worden um Produktionsspitzen und Lastspitzen zusammenzubringen?

Ja, das sogenannte „Smart Grid“ das intelligente Stromnetz ist ein Projekt, das von der SmartRegion Pellworm ins Leben gerufen worden ist. Es handelt sich hierbei um ein wissenschaftliches Projekt zu Stromspeicherung und intelligenter Beobachtung mit sogenannten „Smart Metern“. Das sind Strommessgeräte oder Stromzähler, die hier in den Privathaushalten installiert worden sind. Hierüber kann man genau feststellen, wie die Verbräuche sind, aber auch wie das sogenannte Stromangebot stattfindet. Das ist eine Zukunftsvision, dass wir mit Hilfe von diesem Smart Grid, dem intelligenten Stromnetz, noch besser die erneuerbaren Energien in den Netzen einpflegen können. Es ist für uns noch eine Vision, die aber hier auf der Insel eine sehr große Akzeptanz hat. Viele Haushalte beteiligen sich an Smart Grid und wir sind dem sehr positiv aufgeschlossen.

Welche Ausbaumöglichkeiten gib es noch oder ist Ausbau eigentlich gar nicht mehr erwünscht?

Doch Ausbau ist erwünscht. Da die Windkraftanlagen doch einer Erneuerung unterliegen müssen streben wir an, die Windkraftanlagen zu erneuern durch neuere, größere und technisch netzangepasstere Anlagen. Also insofern streben wir einen Ausbau der Windkraft an, der natürlich verträglich gestaltet werden muss.

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Was hat Sie persönlich zur Windkraft gebracht? Was ist heute Ihre Motivation sich für Windkraft zu engagieren?

Was mich an Windkraft immer wieder beeindruckt ist eine Nutzung von Kräften, Naturkräften direkt hier vor Ort und was mir besonders wichtig ist, ist dass eine Wertschöpfung auch hier vor Ort stattfindet und nicht irgendwo in der Ferne. Dass man hier auf dem Lebensraum, wo man lebt, auch davon leben kann. Das hat mich sehr stark motiviert. Was mich heute besonders bewegt mich für erneuerbare Energien einzusetzen ist natürlich auch der Klimawandel. Wir müssen mit gewisser Aufmerksamkeit beobachten, was in der Welt geschieht, wie die Umwelt sich verändert und wie man hier als in der Natur sehr eingebundene Region damit lebt. Für mich gibt es da nur eine Antwort und das ist die Nutzung der erneuerbaren Energien. Wir gehen verantwortungsvoll mit der Umwelt um, das ist das eine, und zum anderen wird auch eine Wertschöpfung für die Menschen vor Ort geschaffen. Das ist im weitesten Sinne eine Gerechtigkeit, die stattfindet, dass an der Erzeugung von Energie auch die Bürger beteiligt werden, dass Wertschöpfung und Rendite nicht bei wenigen hängen bleiben sondern allen zu Gute kommen und da sind wir hier an Projekten dran, wo das einfach gerecht abläuft. Das ist meine persönliche Motivation. Das ist das Engagement. Es ist nicht leicht dafür zu kämpfen, aber es lohnt sich.

Was ist das Besondere hier auf der Insel. Hat das auf einer Insel leben die Entwicklung hin zu erneuerbaren Energien verstärkt vorangebracht?

Ja, was auf einer Insel besonders ist, ist natürlich erstmal das Leben mit der Natur, dass man mit Naturkräften klarkommen muss und sie auch respektiert. Wind ist eine Naturkraft hier, die fast ständig weht und deswegen war das natürlich eine wunderbare Gelegenheit und Möglichkeit, damit weiterzukommen. Ein weiterer Aspekt das ist der sozioökonomische Effekt. Wir sind hier in der heutigen Zeit in einer einkommensschwachen Region. Wir können hier einen sehr wertvollen Einkommensbeitrag leisten für Familien, die hier auf der Insel leben und arbeiten. Mit erneuerbaren Energien wird ein zusätzlicher Einkommenseffekt gemacht und dabei verantwortungsvoll mit der Umwelt umgegangen.

Bürgerwindpark
Bürgerwindpark

Was kann man von Pellworm lernen?

Wichtig ist natürlich einen eigenen Weg in einer Gemeinschaft zu entwickeln, und ich betone echt Gemeinschaft. Es geht nicht ohne Reibereien. Aber man muss eine Gemeinschaft aufbauen. Das ist für mich besonders wichtig und wenn man gemeinschaftliche Dinge erstmal anpacken kann, dann hat man ganz viel gewonnen in einer Gemeinde. Dann kann man ruhig intensiv um die Sache streiten, aber die Dinge werden ausgesprochen und fair miteinander verhandelt und wenn dann alle davon gewinnen können geht es umso besser. Natürlich hat man immer Gewinner und Verlierer. Es gibt auch in Projekten immer solche, die gewinnen nicht ganz so viel. So ist es natürlich auch bei erneuerbaren Energien. Einer der mehr auf konventionelle Energien eingestellt ist, kann dem nicht so viel abgewinnen. Aber viele merken, man kann damit viel erreichen, und das ist für uns Motivation gewesen immer wieder darauf hinzuweisen und deswegen stehen wir auch sehr gerne Besuchern und Journalisten Rede und Antwort warum wir das hier machen. Wir wollen gerne diesen Grundgedanken weiter streuen, denn wenn das auch in anderen Regionen gelebt wird geht es deutlich einfacher.

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Erneuerbare Energien in Deutschland